In der FAZ vom 01.10.2011 schreibt Dorit Kowitz unter dem Titel „Zu Hilfe“ über

 

 Sinn und Unsinn von Hungerhilfe. Sie beginnt so:

 

 

 

Wann immer in Afrika hunderttausende Menchen am Hunger sterben, ist die Welt alar­miert. So war es auch Mitte der achtziger Jahre in Äthiopien. Damals leiteten Benfiz-Konzerte die Spendengelder millionenfach in ein Tal des Todes, das heute wieder grünt.
Dann ist doch alles gut, oder?                                         

 

 

(die gelb unterlegten Passagen sind Zitate)

 

 

 

Oder?

 

Die Autorin referiert an anderer Stelle:

 

 

Seit 1960 sind zwei Billionen Dollar Hil­fe in die Länder Afrikas geflossen. Äthio­pien wurde allein im Jahr 2008 insgesamt 807 Millionen zuteil. Die Bundesregie­rung hat für die Jahre 2012 bis 2014 neue 88 Millionen Euro zugesagt. Interna­tional wurden dem Land Schulden in Höhe von 6,5 Milliarden Dollar erlassen. Trotzdem gilt es 2011 als eines der ärmsten Länder der Welt, genau wie schon 1984. Im Schnitt verdient ein Äthiopier 230 Euro im Jahr. Im Süden, Osten und hohen Nor­den des Landes hungern immer wieder Millionen. Täglich werden Tonnen von Nahrungsmittelhilfen in das Land geholt.

 

 

Frau Kowitz zählt nach und kommt darauf, dass diese Sorte Hilfe die Ursache der (Hungers-)Not nicht beseitigt hat. Dagegen steht das Ergebnis der Hilfe, die World Vision mit Spendengeldern geleistet hat

 

 

Mame Tilahun lebt in einer strohgedeckten, winzigen Hütte aus Holz und Lehm. Sie hat keinen Strom, und zur nächsten asphaltierten Straße braucht sie fast zwei Stunden zu Fuß. Und doch ist hier das Glück zu Hau­se, äthiopisches Glück eben. ... World Vision hat ihr das Wasser gebracht und das Wissen um den Obst- und Gemüsean­bau. Und damit ein Leben.

 

 

lm Antsokia-Tal  ...  ackern die Bauern wie vor 2000 Jahren. Jeder hat eine Sichel, keiner einen Traktor. Ein Pflug ist hier noch ein selbst gebautes Et­was aus strammem Ästen und einem Stück Eisen, das hinter einen Ochsen ge­spannt wird und mit viel Körperkraft ge­führt werden muss.

 

 

Die meisten Bauern können tatsächlich nur ihre Familie ernähren, mehr nicht. Aber ein Traktor, zum Bei­spiel, braucht Diesel, und Diesel ist unbe­zahlbar, wenn man für eine Mango vier Cent bekommt. Auf eine Produktion in großem Stil ist nichts hier angelegt. Wich­tiger finden sie, dass alles, was geschieht, erst einmal „nachhaltig" ist: Wenn der Helfer geht, soll der Einheimische es ohne ihn schaffen. Man lehrt die Bauern darum auch, den Einsatz von Pestiziden und Kunstdünger zu vermeiden, weil das teuer ist und umweltschädlich.

 

 

 

Diesen Stand der ärmlichsten Subsistenz-Landwirtschaft zeigt das von World Vision beigesteuerte Bild schlagend:

 

 

 

 

World Vision sorgt mit seiner Hilfe dafür, dass mehr als 80000 Menschen in diesem Tal überleben können. 80000 die nicht mehr hungern müssen, wie früher, als es diese Hilfe noch nicht gab.

 

 

500000 oder eine Million Hungertote gab es in den Provinzen des Nordens, man weiß es nicht einmal ungenau. - Es sah hier so genauso aus, wie es heute in Somalia aussieht. So weit das Auge blickte, gleißte die rissige Erde fast weiß in praller Sonne. Die Welt schien aus nichts als fruchtlosem Staub ge­macht. Jeder Baum war zu Brennholz ge­worden, alles Vieh geschlachtet oder ver­endet.

 

 

„Die Welt schien aus nichts als fruchtlosem Staub ge­macht“.

Das schien so. Das war aber nicht die Wahrheit. ... World Vision hat Wasser gebracht und das Wissen um den Obst- und Gemüsean­bau. Mit Wasser und Wissen lässt sich also auch in dieser scheinbaren Staubwüste eine Landwirtschaft betreiben. Das haben auch andere gemerkt:

 

 

Gleichzeitig pachten indische, arabische und chinesische Agrarkonzerne hundert­tausende Hektar Ackerflächen im frucht­baren Südwesten. Sie wollen mit großem Gerät Getreide, Baumwolle, Zuckerrohr, Ölpflanzen und Früchte anbauen - und die Ernten in ihre Heimat liefern.

 

 

Das wird dann voraussichtlich SO aussehen:

 

 

 

 

So geht nämlich eine effektive Landwirtschaft. Da werden auch Pestizide und Kunstdünger eingesetzt, dass es kracht.

Damit wir uns nicht missverstehen: Die Produkte der kapitalistisch betriebenen Landwirtschaft halte ich nicht für die besten, schon gar nicht für die bekömmlichsten. Das liegt aber nicht an der Technik, die eingesetzt wird, sondern am Zweck, für die diese Produktion aufgezogen wird:

Geldvermehrung.

Wenn es aber darum geht, nicht nur 80 Tausend, sondern eine Million Tausend Menschen, die für die kapitalistische Produktion weder als Lohnarbeiter und deswegen auch nicht als Konsumenten interessant sind, zu ernähren, dann funktioniert das nicht mit der Subsistenz-Landwirtschaft, die zu ihrem Laufen auch noch fortlaufend weitere Spendengelder benötigt. Nein.

 

Wenn man erreichen will, dass kein Mensch hungern muss, dann muss man sich mit den Instanzen anlegen, die mit Gewalt diese Sorte Wirtschaft auf dem ganzen Erdball eingerichtet haben und mit derselben Gewalt und mit viel Geld dafür sorgen, dass sie weitergeführt wird.

Anders geht es nicht.

 

Mit Spenden erreicht man im BESTEN Fall, dass Leute sich abrackern müssen, um elend über die Runden zu kommen.

Jedenfalls geht an anderer Stelle auf dieser schönen Erde das Hungern und das Sterben weiter:

 

 

 

 

Weserkurier 13.12.2011

 

 

 

Also: Wer spendet, hat bemerkt, dass auf dieser Welt Zustände herrschen, die Millionen von Menschen das Leben kosten.

Abgesehen von Kindern, die von Erwachsenen zum Spenden angestiftet werden, wissen die Spender, dass ihre Mittel nicht reichen, um wirklich Abhilfe zu schaffen. Statt sich aber um wirkliche Abhilfe zu kümmern, schaffen sie sich mit der Spende ihr Gefühl von Mitverantwortung vom Hals.

 

 

 

 

 

Oder sehe ich das falsch?

 

 

 

 

 

Ich glaube nicht. Weil es so ist, kriegt Frau Kowitz nämlich am Ende des Artikels diese Kurve:

 

 

Sie führen uns durch Majete, eine Klein­stadt aus Lehm und Wellblech mit 13000 Einwohnern. Eine Mutter empfängt die Weißen, sie hatte als Zehnjährige den Hun­ger überlebt und erzählt, wie. Aber man kann sie kaum hören. Denn überall sind Kinder, Kinder über Kinder, aus dem gan­zen Ort kommen sie gerannt. Sie stecken in schmutzstarrenden Kleidern, die Füße in Plastikschuhen. Sie necken, betteln, char­mieren aus klaren Augen und runden Ge­sichtern. Gesund sehen sie aus, froh. Ein paar Dutzend neue Menschenleben von jetzt sieben Milliarden auf der Erde. Viel­leicht hätte es diese Kinder nie gegeben, wenn diesem Tal nicht geholfen worden wäre, egal von wem. Was soll daran falsch sein. Das kann nur richtig sein, nicht wahr.