Fidel Castro

Der Teil zu
Hunger und Agrarreform
steht weiter unten und ist dunkelrosa unterlegt

 

 

Rede vor den Vereinten Nationen am 26. 09.1960

 

 

 

 

 

Das Problem Kubas? Vielleicht wissen einige von Ihnen Bescheid, andere vielleicht nicht - das hängt von den Informationsquellen ab. Doch ohne jeden Zweifel ist das Problem Kubas, das seit zwei Jahren besteht, für die Welt ein neues Problem. Die Welt hatte kaum Gründe zu wissen, dass es Kuba überhaupt gab. Für viele war es gewissermaßen ein Anhängsel der Vereinigten Staaten und viele amerikanische Bürger hielten Kuba in der Tat für eine Kolonie der Vereinigten Staaten. Auf der Landharte, da war es anders: Auf der Landkarte hatten wir eine andere Farbe als die Vereinigten Staaten - und in Wirklichkeit auch.

 

 

Und wie ist unser- Land eine Kolonie der Vereinigten Staaten geworden?
Nicht auf Grund
seiner Vorgeschichte. Dieselben Leute, die die
Vereinigten Staaten kolonialisierten, haben auch Kuba kolonialisiert: Kuba hat ganz andere ethnische und kulturelle Wurzeln und dieser Grundcharakter hat sich im Laufe der Jahrhun­derte immer stärker ausgeprägt. Kuba war das letzte Land Amerikas, das sich vom spanischen Kolonialismus befreite, vom spanischen Kolonialjoch (Seine Exzellenz der Vertreter der spanischen Regierung möge mir verzeihen). Und eben weil es das letzte war, hat es härter kämpfen müssen. Den Spaniern war in Amerika nur noch eine Besitzung geblieben, sie haben sie hartnäckig und entschlossen verteidigt. Unser kleines Volk - kaum mehr als eine Million Einwohner zu jener Zeit - musste fast dreißig Jahre lang ganz allein einer Armee die Stirn bieten, die als eine der stärksten Europas gelten konnte. Am Ende war die spanische Regierung gezwun­gen, gegen diese kleine Bevölkerung ebenso viele Truppen aufzubieten, wie für alle anderen Kämpfe gegen die Unabhängigkeit Südamerikas. Eine halbe Million spani­scher Soldaten führte Krieg gegen den festen Entschluss unseres kleinen Volkes, in Freiheit zu leben. Dreißig Jahre lang haben die Kubaner für ihre Unabhän­gigkeit gekämpft - dreißig Jahre, die das Fundament unserer Freiheitsliebe bilden.

 

 

Doch Kuba war – wie Adams, der Präsident der Vereinigten Staaten, am Anfang des letzten Jahrhunderts sagte, eine Frucht, ein Apfel am spanischen Baum und dazu bestimmt, sobald er reif sei, den Vereinigten Staaten in die Hände zu fallen. Die spanische Macht hat sich an unsrem Land erschöpft. Spanien fehlte es an Menschen wie an ökonomischen Mitteln, den Krieg gegen Kuba fortzusetzen. Spanien war geschlagen. Der Apfel schien reif zu sein und die Regierung der Vereinigten Staaten streckte die Hand aus. Es fiel nicht nur ein Apfel: Mehrere sind in ihre Hände gefallen. Es fiel Puerto-Rico, das heldenmütige Puerto-Rico, das seinen Unabhängigkeitskampf zur gleichen Zeit begonnen hatte wie Kuba; die Philippinen und verschiedene andere spanischen Bestzungen sind gleichermaßen gefallen.

 

 

Doch um unser Land zu beherrschen konnte man nicht auf dieselbe Art verfahren. Unser Land hatte einen heftigen Kampf geführt und die Weltmeinung sprach für uns . Die Methoden mussten bei uns andere sein.

 

 

Die Kubaner, die für ihre Unabhängigkeit kämpften, die zu dieser Zeit ihr Blut und ihr Leben hingaben, vertrauten schließlich einer Resolution des Kongresses der Vereinigten Staaten vom 20. April 1898, die erklärte, dass Kuba von Rechts wegen frei und unabhängig sei und sein solle. Die amerikanische Bevölkerung sympathisierte mit Kubas Kampf. Jene öffentliche Resolution war ein Gesetz des Kongresses, mit dem die Vereinigten Staaten Spanien den Krieg erklärten. Doch diese Hoffnung sollte bald einer schlimmen Enttäuschung Platz machen. Nach zwei Jahren militärischer Besatzung geschah das Unerwartete. Im selben Augenblick, da das Kubanische Volk, vertreten durch eine konstituierende Versammlung, die Verfassung der Republik ausarbeitete, verkündete der Kongress der Vereinigten Staaten ein neues Gesetz, auf Vorschlag des Senators Platt (traurigen Angeden­kens für Kuba), ein Gesetz, wonach die kubanische Verfassung einen Zusatz erhalten müsse, der der Regierung der Vereinigten Staaten das Recht einräume, in die Politik Kubas einzugreifen und überdies das Recht, bestimmte Territorien zu pachten, um dort Flottenstützpunkte oder Kohlendepots zu errichten. So musste also, kraft eines Gesetzes, das ein fremdes Land erließ, die Verfassung unseres Landes jene Bestimmung enthalten und man gab denen, die unsere Verfassung ausarbeiteten, deutlich zu verstehen, dass, falls sie diesen Zusatz nicht aufnähmen, die Besatzungstruppen nicht abgezogen würden. Mit anderen Worten ein fremdes Land maßte sich das Recht an, in unsere Verfassung einzugreifen und Flottenstützpunkte in unserem Land zu errichten.

 

 

Es ist gut, wenn die jüngst zu dieser Organisation zugelassenen Völker, die Völker, die heute unabhängig zu leben beginnen, die Geschichte unseres Landes vor Augen haben, denn es könnte ihnen auf ihrem Weg Ähnliches begegnen. Wo nicht die Delegierten von heute, wo werden vielleicht ihre Kinder oder Kindeskinder eine ähnliche Situation erleben, mag es auch kaum so aussehen, als könnte man heut zu Tage noch so weit gehen.

 

 

Dann begann also die zweite Kolonialisierung unseres Landes: Aufkauf der besten Agrarflächen durch nordamerikanische Gesellschaften, Konzessionen für die natürlichen Hilfsmittel unseres Landes, für Bergwerke, für öffentliche Verkehrsmittel zwecks Ausbeutung dieser Verkehrsmittel, Handelskonzessionen, Konzessionen aller Art, die in Verbindung mit dem verfassungsmäßigen Recht der Intervention – einem uns gewaltsam aufgezwungenen Recht – unser Vaterland bald aus einer spanischen Kolonie in eine Kolonie der Vereinigten Staaten verwandelten.

 

 

Kolonien haben kein Mitspracherecht. Die Welt lernt sie erst an dem Tage kennen, an dem sie die Chance nutzen, sich Gehör zu verschaffen . Deshalb wusste die Welt nichts von unserer Kolonie, eben so wenig wie sie von unseren Problemen wusste: in den Geographiebüchern eine weitere Flagge, ein weiteres Wappen, auf den Landkarten eine weitere Farbe. Aber es gab dort unten keine unabhängige Republik. Niemand täusche sich – wer sich in die Irre führen lässt, macht sich zum Gespött - es gab dort unten keine unabhängige Republik. Es gab eine Kolonie und der dort zu befehlen hatte, war der Gesandte der Vereinigten Staaten. Wir schämen uns nicht, dies öffentlich zu verkünden, denn neben dieser Scham steht heute der Stolz, sagen zu können, dass keine Gesandtschaft mehr unser Land regiert. Unser Land wird vom Volk regiert. (...)

 

 

 

 

 

Die revolutionäre Regierung machte ihre ersten Schritte. Ihre erste Maßnahme bestand darin, die Wohnungsmieten um 50 % zu senken. Das war eine sehr gerechte Maßnahe, denn einige Familien mussten bis zu einem Drittel ihres Einkommens für die Miete aufwenden. Das Volk war das Opfer großer Spekulationen auf dem Wohnungs- und Grundstücksmarkt gewesen; den Nachteil hatte die Volkswirtschaft. Als die revolutionäre Regierung die Mieten um 50 % senkte, gab es Protest und Unzufriedenheit seitens der Haus- und Grundstücksbesitzer, gegen die sich diese Mietsenkung richtete. Die Bevölkerung jedoch strömte freudeschreiend auf die Straße, so wie das in jedem andern Land geschähe, selbst hier in New York, wenn die Mieten um 50 Prozent gesenkt würden. Die nordamerikanischen Monopolgesellschaften machten noch keine wesentlichen Schwierigkeiten, denn sie besaßen nur wenige große Miets­häuser.

 

 

Dann wurde ein anderes Gesetz erlassen, das alle Konzessionen annul­lierte, die die diktatorische Regierung Fulgencio Batistas der Telefon­gesellschaft, einem nordamerika­nischen Monopol, eingeräumt hatte. Dank der Wehrlosigkeit der Bevölkerung hatte sich diese Gesellschaft über­mäßige Konzessionen sichern können. Die revolutionäre Regierung annul­lierte diese Konzessionen und brachte die Fernmeldegebühren wieder auf den alten Stand. Hier nun kam es zum ersten Konflikt mit den nord­amerikanischen Monopolen. -

 

 

Die dritte Maßnahme bestand in der Senkung der Elektrizitätstarife, der höchsten in der ganzen Welt. Das führte zum zweiten Konflikt mit den nordamerikanischen Monopolen. In jenem Augenblick begann man uns für Kommunisten zu halten. Man schimpfte uns Rote, wahrscheinlich weil wir auf die Interessen der nordamerikanischen Monopole gestoßen waren.

 

 

Dann wurde ein weiteres Gesetz erlassen, ein unverjährbares und unver­meidliches Gesetz, unvermeidlich für unser Vaterland und unvermeidlich auf kurz oder lang für alle Völker der Welt, zumindest für alle diejenigen Völker, die es noch nicht angenommen haben: das Gesetz der Agrarreform. Theoretisch sind sich alle über die Agrarreform einig. Niemand sträubt sich dagegen; niemand, es sei denn ein Ignorant, vermag abzu­streiten, dass die Agrarreform in den unterentwickelten Ländern eine wesentliche Bedingung für den ökonomischen Fortschritt ist. Auch in Kuba waren selbst die Gutsbesitzer mit der Agrarreform einverstanden, doch mit einer Reform nach ihrem Geschmack, so wie viele Theoretiker sie sich vorstellen: eine Agrarreform; die auf keinen Fall verwirklicht werden darf, solange sie sich vermeiden lässt.

 

 

Die Agrarreform ist eine Sache, die von den Wirtschaftsausschüssen der Vereinten Nationen gutgeheißen wird, eine Sache, über die keinerlei Meinungsverschieden­heiten herrschen. In unserem Land war sie unerlässlich: Mehr als 200 000 Bauernfamilien sind verhungert, weil sie kein Stück Erde besaßen, auf dem sie die lebensnotwendigen Nahrungsmittel hätten ernten können. Ohne Agrarreform hätte unser Land nicht den ersten Schritt zur ökonomischen Entwicklung tun können. War es eine radikale Reform? War sie wirklich radikal? Es war keine wirklich radikale Re­form. Wir haben eine Agrarreform durchgeführt, die den Erfordernissen unserer Entwicklung, den Möglichkeiten, der landwirtschaftlichen Ent­wicklung angepasst war; das heißt eine Reform, die das Problem der landlosen Bauern löste, das Problem der Produktion aller lebenswichtigen Nahrungsmittel löste, das ungeheure Problem der ländlichen Arbeits­losigkeit löste, und die auch dem schrecklichen Elend ein Ende bereitete, das wir auf den Feldern unseres Landes angetroffen haben.

 

 

Hier erhob sich die erste, wirkliche Schwierigkeit. In der benachbarten Republik Guatemala war es ebenso. Als in Guatemala eine Agrarreform verkündet wurde, begannen die Schwierigkeiten. Und ich sage den Ver­tretern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens in aller Offenheit: Wenn Euer Land beschließen wird, eine gerechte Agrarreform durchzuführen, so könnt Ihr Euch darauf gefasst machen, in eine ähnliche Situation zu ge­raten wie wir, besonders wenn die wichtigsten und besten Ländereien nordamerikanischen Monopolgesellschaften gehören, wie es in Kuba der Fall war.

 

 

Sofort stellte sich das Problem der Entschädigung. Wir erhielten Noten vom State Department der Vereinigten Staaten. Niemals sprach das State Department von unseren Problemen. Niemals, nicht einmal aus Mitleid oder aufgrund seines hohen Maßes an Verantwortung, hat uns das State Department danach gefragt, wie viele Menschen in unserem Land verhungerten, wie hoch die Sterblichkeitsziffer und die der Arbeitslosen lag. Nein, niemals hat es ein Gefühl der Solidarität hinsichtlich unserer Bedürfnisse bewiesen. Alle Gespräche der Vertreter der amerikanischen Regierung drehten sich um die Telefongesellschaft, die Elektrizitätsgesellschaft und um das Problem der Ländereien, die den amerikanischen Gesellschaften gehörten. Wie würden wir zahlen? Natürlich musste man sich als erstes fragen: Womit würden wir zahlen? Nicht wie, sondern womit. Können Sie sich vorstellen, dass ein armes, unterentwickeltes Land, das 600 000 Arbeitslose hatte, einen sehr hohen Prozentsatz an Analphabeten und Kranken, dessen Reserven erschöpft waren, das der Wirtschaft eines mächtigen Landes innerhalb von zehn Jahren fast eine Milliarde Dollar zugeführt hatte, dass dieses Land noch etwas besaß, womit es die Ländereien, die im Rahmen des Agrargesetzes verteilt worden waren, hätte bezahlen können, um die Vereinigten Staaten für ihre verletzten Interes­sen zu entschädigen? Zumal unter den vom State Department gestellten Bedingungen?

 

 


Das State Department forderte drei Dinge: Sofortige Zah­lung, wirksame -Zahlung, angemessene Zahlung. Haben Sie diese Wörter gehört? Eine sofortige, wirksame und angemessene Zählung. Das bedeu­tete: Bezahlt sofort und in Dollar und das, was wir für unsere Besitzungen verlangen.

 

 

Wir waren noch keine hundertfünfzigprozentigen Kommunisten. Wir waren erst rosa. Wir konfiszierten nicht einfach die Ländereien. Wir schlugen vor, sie innerhalb von zwanzig Jahren zu bezahlen und in der einzigen uns möglichen Form, nämlich mit Schuldscheinen, zurückzahlbar innerhalb von zwanzig Jahren, mit einem Zins von 4,5 Prozent und jähr­licher Tilgung.

 

 

Wie hätten wir die Ländereien in Dollar bezahlen können?. Wie hätten wir sofort zahlen können? Wie hätten wir den Preis zahlen können, den man von uns forderte? Es war absurd. Alle Welt wird verstehen, vor welch einer Entscheidung wir unter solchen Bedingungen standen:
Agrar­reform oder keine Agrarreform.

 

 

Wenn wir sie nicht durchführten, würde die furchtbare wirtschaftliche Lage in unserem Land endlos fortdauern. Wenn wir sie durchführten, dann setzten wir uns dem Hass der Regierung unseres mächtigen Nachbarn im Norden aus.

 

 

Wir haben die Agrarreform durchgeführt. Mag sein, dass einem Vertreter zum Beispiel Hollands oder eines anderen europäischen Landes die von uns festgelegte Größe der Besitzungen erstaunlich vorkommt. Sie mag erstaunlich sein.. Die Höchstgrenze; die unser Agrargesetz vorsah, lag bei vierhundert Hektar. In Europa sind vierhundert Hektar eine sehr große Besitzung. In Kuba; wo einige amerikanische Monopolgesellschaften bis zu zweihunderttausend Hektar besaßen - ich wiederhole: zweihundert­tausend, für den Fall, dass sich jemand verhört zu haben glaubt - war eine Agrarreform, die die Höchstgrenze auf vierhundert Hektar herabsetzte, für diese Monopole unannehmbar.

 

 

Aber nicht nur die Ländereien; auch die ertragreichsten Bergwerke waren in unserem Land Eigentum der ame­rikanischen Monopole. Kuba hat zum Beispiel sehr viele Nickelvorkom­men. Sie werden alle von amerikanischen Interessengruppen ausgebeutet. Unter dem diktatorischen Regime Batistas hatte eine amerikanische Ge­sellschaft, die Moa Bay, eine so gewichtige Konzession erhalten, dass sie in nur fünf Jahren eine Investition von 120 Millionen Dollar amortisieren konnte. 120 Millionen Dollar, amortisierbar innerhalb von fünf Jahren! Wer hatte der Moa Bay durch Vermittlung der amerikanischen Regierung diese Konzession gewährt? Einzig und allein die diktatorische Regierung Fulgencio Batistas, eine Regierung, die in Kuba die Interessen der ameri­kanischen Monopole verteidigte.

 

 

Es ist eine Tatsache, dass es sich um eine steuerfreie Konzession handelte. Was aber hinterließen uns diese amerikanischen Gesellschaften, als sie Kuba räumten? Sie hinterließen den Kubanern nur die Bergwerke, den Boden, verarmtes Land, ohne im geringsten zur ökonomischen Entwick­lung beigetragen zu haben.

 

 

Die revolutionäre Regierung verkündete ein Bergbaugesetz, das diese Monopole zwang, eine Steuer von 25 Prozent auf den Export von Erzen zu zahlen. Das war schon eine allzu kühne Haltung der revolutionären Regierung; sie geriet in Konflikt mit den. Inter­essen des internationalen Telefontrusts, mit den Interessen des internationalen Erz­trusts, mit den Interessen der United Fruit, desgleichen mit den mächtigen Interessen der Vereinigten Staaten, die alle, wie Sie wissen, eng miteinander verbunden sind.

 

 

Das war mehr, als die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, das heißt die Vertreter der amerikanischen Monopole, dulden konnten. Es begann eine neue Periode der Hetze gegen unsere Revolution. (... )

 

 

Es begann die Drohung mit dem Zuckerkontingent; es begann die wohl­feile Philosophie des Imperialismus, der Kuba gegenüber soviel Edelmut an den Tag gelegt hätte - den egoistischen Edelmut des Ausbeuters - und so viel Güte; denn dieser Imperialismus hat uns unseren Zucker zu einem Vorzugspreis abgekauft, den er als eine Subvention betrachtete; es handel­te sich um die Subvention für einen Zucker, der für die Kubaner nicht eben gezuckert war, denn die besten Zuckerrohrplantagen gehörten nicht den Kubanern, kein Kubaner war im Besitz einer Zuckerfabrik. Zu die­sem Zeitpunkt konnte jeder die Wahrheit über den kubanischen Zucker, die Wahrheit über die unserem Land auferlegten Opfer erfahren.

 

 

Vorher war von Kontingenten nie die Rede gewesen, man sprach von Zolltarifen. Aufgrund der zwischen dem Hai und der Sardine bestehen­den Gesetze oder Pakte, aufgrund dieses angeblich wechselseitigen Übereinkommens hatten sich die Vereinigten Staaten eine Reihe vorteilhafter Konzessionen verschafft, die ihnen gestatteten, auf dem kubanischen Markt jegliche Konkurrenz der Produkte ihrer englischen und französi­schen Freunde auszuschalten - wie das unter Freunden so häufig vor­kommt. Als Gegengabe wurden uns gewisse Zollkonzessionen für Zucker bewilligt, die. jedoch einseitig abgeändert werden konnten, wenn dem Kongress oder der Regierung der Vereinigten Staaten der Sinn danach stand. So, dass der kubanische Zucker auf dem amerikanischen Markt benachteiligt war.

 

 

Als jedoch das Parlamentes seinen Interessen dienlich fand, senkte es die Tarife. Es galt damals, an dem Ort; der den Vereinigten Staaten am näch­sten lag, eine Versorgungsquelle für Zucker sicherzustellen, und während des ersten Weltkriegs, als der Zucker auf dem Weltmarkt einen außer­ordentlich hohen Preis erreichte, verkauften wir den unsrigen sehr billig an die Vereinigten Staaten, obgleich wir ihre einzige Versorgungsquelle waren. Bei. Kriegsende mussten wir den Zusammenbruch unserer Wirt­schaft feststellen und die bei der Verteilung dieses Rohstoffs begangenen Fehler teuer bezahlen.

 

 

Die Zolltarife hatten einen ungeheuren Aufschwung genommen; nach dem Krieg war die Zuckerproduktion forciert worden, so sehr, dass die Preise sanken und den Zusammenbruch unserer Wirtschaft herbeiführten. Mit Hilfe dieses Preissturzes konnten sich die amerikanischen Banken und Monopole der Ländereien bemächtigen und über die Zuckergesellschaften herfallen, während die Kubaner immer ärmer wurden, bereicherten sich die amerikanische Banken an Kuba. Die Situation ist sich bis in die drei­ßiger Jahre hinein gleich geblieben. Die Regierung der Vereinigten Staa­ten bemühte sich, eine Formel zu finden, die ihre Bedürfnisse der Zucker­versorgung mit den Interessen ihrer eigenen Produzenten in Übereinstim­mung brachte; sie errichtete ein System der Kontingentierung, das den An­teil der verschiedenen Versorgungsquellen am Markt festsetzte. Kuba gehörte damals zu den Hoflieferanten der Vereinigten Staaten, mit min­destens 50 Prozent. Als man jedoch die Kontingentierung einführte, wurde diese Marktposition , auch durch die nachfolgenden Gesetze, allmählich eliminiert.

 

 

Natürlich, die Kolonie war vom Mutterland abhängig. Die Kolonie musste ihm untertan sein, und als sie endlich Maßnahmen ergriff, sich vom Mutterland freizumachen, setzte dieses alles daran, einen solchen Versuch niederzuschlagen. Der Abhängigkeit unserer Wirtschaft von ihrem Markt bewusst, hat die Regierung der Vereinigten Staaten damit begonnen, uns zu warnen, uns Noten zu schicken, uns anzudrohen, dass die Kontingente jederzeit reduziert werden könnten.

 

 

Doch daneben waren noch andere Bestrebungen am Werk, ich meine die konterrevolutio­nären Bestrebungen. Eines Nachmittags hat ein aus Nor­den kommendes Flugzeug unsere Zuckerrohrplantagen überflogen und eine Bombe abgeworfen. Das war ein außergewöhn­liches Ereignis, und wir wussten, woher dieses Flugzeug kam. An einem anderen Nachmittag hat wiederum ein Flugzeug die Zuckerrohrfelder überflogen und Brand­bomben abgeworfen. Diese Flüge wurden zur Regel. (...) Es galt, Kuba zu ruinieren.

 

 

Glaubte die Regierung der Vereinigten Staaten wirklich, was sie sagte; als sie versicherte, die Agrarreform werde einen Rückgang der Produktion nach sich ziehen? Vielleicht glaubte sie es. Es ist nur logisch, dass jeder das glaubt, was zu glauben er sich vorgenommen hat. Möglicherweise stellte sie sich vor, dass die Kubaner zur Zuckerproduktion unfähig seien, wenn die Monopole sich dieser nicht mehr annähmen. Vielleicht stand es für sie fest, dass wir unser Land in den Ruin führen würden; doch wenn die Revolution das Land in den Ruin geführt hätte, wären die Vereinigten Staaten nicht mehr, genötigt gewesen, uns anzugreifen.

 

 

Sie hätten uns allein gelassen, sie hätten als ein edelmütiges und gütiges Land gegolten und wir selbst als Leute, die die Nation ruinieren; man hätte uns als Beispiel dafür angeführt, dass Revolutionen die Länder rui­nieren. Doch so war es nicht: Das Beispiel Kubas hat im Gegenteil bewie­sen, dass Revolutionen die Länder nicht ruinieren. Dieser Beweis wurde von der kubanischen Regierung erbracht, die zwar auch viele andere Din­ge gezeigt hat, aber vor allem, ich wiederhole es, dass Revolutionen die Länder nicht ruinieren, während die imperialistischen Regierungen sehr wohl fähig sind, dies anzustreben.

 

 

Kuba hat sich nicht ruiniert, es musste also ruiniert werden. Kuba brauchte für seine Produkte neue Absatzmärkte, und wir können in allen Ehren irgendeine der hier anwesenden Delegationen fragen, ob sie nicht den Wunsch hat, dass ihr Land die Artikel, die es produziert, auch verkaufe; ob sie nicht -wünscht, dass die Exporte des Landes, das sie vertritt, gestei­gert werden. Wir hatten also den Wunsch, unsere Exporte zu steigern; das möchten alle Länder; es muss also ein allgemeines Gesetz sein und nur ein egoistisches Interesse kann sich gegen das allgemeine Interesse stemmen, gegen Handelsbeziehungen, eines der ältesten Bedürfnisse der Menschheit.

 

 

Wir wollten unsere Produktion absetzen. Wir haben uns auf die Suche nach neuen Märkten begeben. Wir haben ein Handelsabkommen mit der Sowjetunion geschlossen und verkauften ihr eine Million Tonnen Zucker gegen eine bestimmte Menge sowjetischer Produkte. Niemand wird sagen, das sei nicht korrekt. Aber manche werden sagen, das widerspräche gewis­sen Interessen. Doch wir brauchten das State Department nicht um die Erlaubnis zu fragen, ob wir mit der Sowjetunion ein Handelsabkommen abschließen dürfen, denn wir betrachteten uns als ein wirklich freies Land, als das wir uns auch heute betrachten und immer betrachten werden. Während also die Zuckerhalden zum größten Nutzen unserer Wirtschaft zu schwinden begannen, hat man uns den Schlag versetzt. Auf Verlangen der Exekutive der Vereinigten Staaten nahm der Kongress ein Gesetz an, das die Exekutive ermächtigte, die Zuckerimporte aus Kuba in dem Maß einzuschränken, wie es ihr angemessen schien. Man griff unsere Revolu­tion mit der ökonomischen Waffe an. Für die Rechtfertigung dieser Maß­nahme hatten die Journalisten schon gesorgt. Die Kampagne war seit langem geführt worden; denn Monopole und Publicity sind hierzulande, wie Sie alle sehr wohl wissen, zwei absolut identische Dinge. -

 

 

Man griff also zur ökonomischen Waffe. Man reduzierte mit einem Schlag unser Kontingent um fast eine Million Tonnen - Zucker, der schon produ­ziert und für den Markt der Vereinigten Staaten bestimmt war - mit der Absicht, unser Land der für seine Entwicklung notwendigen Mittel zu berauben, mit der Absicht, es auf die Knie zu zwingen; und mit dem Ziel, auf politischer Ebene Resultate zu erhalten.

 

 

Diese Maßnahme, die ökonomische Aggression, wird - wie alle Vertreter der lateinamerikanischen Länder wissen - vom internationalen Recht aus­drücklich verurteilt. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat dieses Recht verletzt. Sie hat zur ökonomischen Waffe gegriffen. Sie- reduzierte unser Zuckerkontingent um fast eine Million Tonnen, weiter nichts. Sie konnte es tun. Und was konnte Kuba tun angesichts dieser Realität? Sich an die Vereinten Nationen wenden, um dort die politische und ökonomi­sche Aggression anzuprangern, um dort die Überfälle von Luftpiraten anzuprangern, um dort das ständige Eingreifen der amerikanischen Regie­rung in die Politik unseres Landes, die subversive Kampagne gegen die revolutionäre Regierung Kubas anzuprangern. (... )

 

 

Die Organisation der Vereinten Nationen befasste sich mit unserem Pro­blem und verlangte von der Organisation Amerikanischer Staaten eine Untersuchung. Die OAS trat zusammen. Ausgezeichnet. Doch was konn­te man von ihr erwarten? (... ) Die Regierung der Vereinigten Staaten wurde für die 6o Überfälle der Piratenflugzeuge nicht verurteilt; sie wur­de weder verurteilt für ihre ökonomische Aggression noch für zahlreiche andere Aggressionen. Nein. Man verurteilte die Sowjetunion. Welch erstaunliches Ergebnis!

 

 

Die Schwierigkeiten, die dem kubanischen Volk von der imperialistischen Regierung der Vereinigten Staaten bereitet wurden, sind die gleichen Schwierigkeiten, die Saudi-Arabien, der Iran oder der Irak zu überwin­den hätten, falls sie ihr Petroleum verstaatlichten; die gleichen Schwierig­keiten, die Ägypten hatte, als es den Suez-Kanal verstaatlichte - und gut verstaatlichte; die Indonesien hatte, als es um seine Unabhängigkeit kämpfte. Überfall auf Ägypten, Überfall auf den Kongo: Hat es den Kolonialisten und Imperialisten je an einem Vorwand für eine Invasion gefehlt? Nie. (... )

 

 

 

 

 

Freiheit, das bedeutet nicht das Recht auf eine Flagge, auf Landesfarben, auf eine Delegation bei den Vereinten Nationen. Wenn wir von Freiheit sprechen, denken wir an ein anderes Recht, ein Recht, das unsere Völker in jüngster Zeit auf vielen Versammlungen proklamiert haben. Wir spre­chen von dem Recht aller noch wenig entwickelten Völker, ihre natürlichen Hilfsmittel zu verstaatlichen, ohne die Mono­pole für ihre Investi­tionen in diesen Ländern zu entschädigen. Wir kämpfen für die Verstaat­lichung der natürlichen Hilfsmittel und der ausländischen Investitionen in den unterentwickelten Ländern. Und wenn die hochindustrialisierten Länder ein Gleiches zu tun wünschen - wir haben nichts dagegen.

 

 

Damit ein Land wirklich frei ist in seiner Politik,
muss es wirklich frei sein in seiner Wirtschaft.

 

 

 

 

 

Deutsch von Eva Moldenhauer

 

 

Aus Kursbuch, Sammelband 1, 1965 - 1967