Das Wunder von Lilongwe

 

 

 

 

 

Malawi, eines der ärmsten Länder Afrikas produziert seit Jahren Nahrungsüberschüsse und ruft sich zum Modell für den Kontinent aus. Doch der Erfolg kostet Geld.

 

 

 

 

 

Saftig und grün sind die Felder, durch die sich der Präsident gern kutschie­ren lässt, hoch steht der Mais, der Tabak gedeiht, die Erntezeit für die Wur­zelknolle Maniok ist angebrochen. Es hat viel geregnet in Malawi, der Präsident ist zufrieden mit sich und seinen Bauern. ...

 

 

2005 starben in Ma­lawi nach monatelanger Dürre viele Men­schen an Hunger und Unterernährung. Etwa die Hälfte seiner Lebensmittel muss­te das Land importieren, 40 Prozent der Bevölkerung waren auf ausländische Hil­fe angewiesen.
Heute verhungert nie­mand mehr in Malawi, und die Farmer produzieren Überschüsse. Seit drei Jah­ren schon, Millionen von Tonnen. Auch für
2010 wird ein ordentliches Ergebnis erwartet. ...

 

 

Etwa 90 Prozent der Menschen bear­beiten ein eigenes Stück Scholle, auch der Präsident hält sich eine Farm. Die Kleinbauern erwirtschaften 75 Prozent der Landwirtschaftsproduktion und 8o Prozent der Exporteinnahmen. Dass Ma­lawi die Wende vom Elendskandidaten zum Nahrungsmittelexporteur geschafft hat, vereint die Bewohner und den Präsi­denten in ihrem Stolz.

 

 

Das vermeintliche Wunder begann im Jahr 2005. Mutharika war einige Monate zuvor zum ersten Mal Präsident gewor­den. Vier Jahre lang hatte es keine richti­gen Ernten mehr gegeben. Die Situation verschärfte sich zusätz­lich, weil Mala­wi - nicht zuletzt auf Anraten des Welt­währungsfonds - seine Maisreserven ver­kauft hatte. Hunger kam über das Land. ...

 

 

(Präsident Mu­tharika) legte ein Förderprogramm auf, das den Preis für einen Sack Dünger von da­mals 65oo Kwacha (33 Euro) auf 9oo Kwa­cha (5 Euro) drückte und den für das Zwei-Kilo-Paket Saatgut von 6oo auf 30 Kwacha. Die staatlich gestützte Verteilung von Dünger widersprach zwar den Vorgaben von Weltbank und Internationalem Wäh­rungsfonds. Doch die Nöte seiner Lands­leute waren dem Präsidenten wichtiger als die Prinzipien der Bankexperten. Und unterstützen denn nicht auch Europäer und Amerikaner ihre Bauern mit Milliar­densubventionen?

 

 

Der Erfolg gab Mutharika recht: Inner­halb von zwei Jahren stieg die Produk­tion um fast 200 Prozent. Der lokale Handel kam wieder in Schwung, das Transportgewerbe hatte Arbeit, Straßen wurden gebaut, die Inflation sank - und Hungertote gab es auch nicht mehr. ...

 

 

„Die Erträge sind wirklich besser", sagt Zebi­nati Chisomba, 53, die auf einer kleinen Parzelle in Kalulu Village nahe der Haupt­stadt Lilongwe Kartoffeln, Bohnen, vor allem aber Mais anpflanzt. Tisch und Stühle gibt es nicht bei Zebinati Chisom­ba, sie bittet zum Gespräch auf die Stufen ihrer Lehmhütte.

 

 

Seit acht Jahren ist sie verwitwet und muss ihre vier Kinder allein durchbringen. Seit drei Jahren bekommt sie billigen Dünger, den sie allerdings mit Nachbarn teilen muss. So wollen es die Anführer im Dorf Ka­lulu, um Unruhen innerhalb der Dorf­gemeinschaft zu vermeiden. „Früher habe ich zwei Ochsenkarren Mais pro Jahr geerntet, jetzt sind es vier", sagt Chisomba. Ein Drittel davon braucht sie für den Eigenbedarf, den Rest verkauft sie auf dem Markt. ...

 

 

Doch wenn die Lobeshymnen erst ein­mal verklungen sind, werden Ökonomen wie Bauern nachdenklicher, es mischen sich kritische Töne ins Gespräch.

 

 

Auch (Präsidentenberater) Zebinati Chisomba hat leise Zweifel. „Früher kamen Experten, die uns geschult haben, heute kommen sie nicht mehr. Früher bekamen wir Kredite, um zu investieren, jetzt ist das vorbei."

 

 

So gut die Ernten der vergangenen Jah­re gewesen sein mögen - an den Grundübeln der malawischen Landwirtschaft hat sich wenig geändert: wenig Wissen, keine Investitions­kredite, kaum Bewässe­rungswirtschaft.

 

 

Der Durchschnittsertrag in Malawi ist mit dem Düngerprogramm zwar von 600 Kilo Mais pro Hektar auf 1,6 Tonnen, ge­stiegen. Das ist nicht schlecht, doch mit moderneren Anbaumethoden und Bewässerungsanlagen, mit größeren Flächenein­heiten wären leicht drei- bis viermal so hohe Erträge zu erzielen.

 

 

„Wir geben enorm viel Geld für Dünger und Saatgut aus", sagt Ökonom Kumba­tira, „aber wir vernachlässigen den Rest der Landwirtschaft." Die Viehzucht müsste gefördert werden, Bewässerungskanäle ausgebaut und Landmaschinen gekauft. Das Unterstützungspro­gramm sei an­fällig für Korruption, es gebe einen flo­rierenden Schwarzmarkt für die Dünger­Gutscheine, und die Verteilung sorge in vielen Dorfgemeinschaften immer wieder für Streit. Vor allem aber: „Es ist viel­leicht ein Programm gegen den Hunger, nicht aber gegen Armut und für die Ent­wicklung des Landes." Und dann springt er auf hinter seinem Schreibtisch: „Dabei ist Bildung doch der Schlüssel. In die Bil­dung müssen wir investieren!"

 

 

Auch der selbstbewusste Chef der Bauerngewerkschaf­ten, Prince Kapondamga­ga, hinterfragt das Wunder von Malawi. ...  Das Programm sei eine Art Sozialfür­sorge für die Ärmsten gewesen. Nun aber müsse die Regierung allmählich umsteu­ern, damit der Aufschwung in der Land­wirtschaft anhalte und nicht verpuffe. „Eine langfristige Strategie ist noch nicht erkennbar", sagt der Bauernchef. Selbst Finanzminister Ken Kandodo denkt so ähnlich. Das Programm sprengt sein Budget jedes Jahr aufs Neue - und verhindert so nachhaltiges Wachstum.

 

 

Weltweit explodierten 2008 die Dün­gerpreise. 58 Millionen Dollar bezahlte Kandodo noch 2006, an die 260 Millionen Dollar, fünfmal so viel, hat er im vergan­genen Jahr für die Landwirtschaft ausge­geben, einen Großteil davon für Dünger. Das ist sehr viel für einen Haushalt von nur 1,6 Milliarden Dollar.

 

 

Zum Vergleich: Für Bildung und Hoch­schulen oder den gesamten Gesundheits­sektor stehen in Malawi nur jeweils knapp 300 Millionen Dollar zur Verfü­gung. Die Düngerhilfe kostete Malawi so viele Devisen, dass der Treibstoff im Land knapp wurde. ...

 

 

„Wir geben einfach zu viel Geld aus", sagt er. Und je mehr die Regierung in Dünger investiere, „desto weniger haben wir für Schulen, Straßen und Kranken­häuser." Malawi habe vielfach Nachhol­bedarf, „wir können uns nicht nur auf ei­nen einzigen Sektor konzentrieren". Kan­dodo fordert: „Spätestens in zehn Jahren müssen wir raus aus dem Programm."

 

 

Es klingt, als ob er nichts dagegen hätte, den Ausstieg schon viel früher zu wagen.

 

 

 

 

 

Horand Knaup

 

 

 

 

 

DER SPIEGEL 36/2010, S.113 f   gekürzt