I. Die Konkurrenz der Nationen
                      um den Reichtum der Welt

 

 

 

 

 

Um kapitalistischen Reichtum konkurrieren dessen Eigentümer und Manager nach der absurden Logik der marktwirtschaftlichen Vernunft und gemäß den Vorschriften und Lizenzen ihrer nationalen Gesetzgeber und politischen Betreuer.

Die sind ihrerseits auf einen Gesamterfolg der Wirtschaft scharf, die sie regieren: auf gelingende Kapitalakkumulation im Allgemeinen, auf positive Bilanzen des grenzüberschreitenden Geschäfts im Besonderen. Denn davon hängen Macht und Einfluss ihres Staatswesens ab.

Daher registriert eine moderne Herrschaft nicht bloß die Konkurrenzergebnisse, die ihre Außenhändler und Multis zustande bringen:

Mit den Mitteln staatlicher Gewalt konkurriert sie gegen ihresgleichen um nationalen Gewinn.

 

 

 

 

 

1.    Der nationale Kapitalstandort
und seine Erfolgsmittel

 

 

 

 

 

a)

 

 

 

 

 

Moderne Völker brauchen Arbeit. Nicht in dem banalen Sinn, dass allemal einiges an Mühe notwendig ist, um den gesellschaftlichen Bedarf an Lebens- und Genussmitteln zu befriedigen und Produktionsmittel dafür herzustellen. Ginge es bloß darum, wäre also ein vernünftig planender Materialismus am Werk, dann wäre die Verausgabung von Arbeitskraft nur Mittel zum Zweck und geschähe mit dem Ziel, diesen Aufwand nach Möglichkeit zu reduzieren und frei verfügbare Lebenszeit für frei gewählte Tätigkeiten zu gewinnen: doch so einfach ist es in der freien Marktwirtschaft mal wieder nicht. Da geht es Ländern nur dann gut, wenn deren Einwohnerschaft von ihrer späten Jugend bis ins frühe Greisenalter möglichst vollzählig werktäglich von früh bis spät oder in kontinuierlicher Wechselschicht in Büros, Fabriken oder an anderen, mobilen Arbeitsplätzen einrückt: und Völker laborieren nicht an einem Mangel an nütz­lichen Gütern, der durch zweckmäßigen Einsatz von Arbeit und Maschinerie zu beheben wäre, sondern leiden ausgerechnet dann Not, wenn es für sie ange­sichts übervoller Warenregale in den Kaufhäusern nichts zu tun gibt.

 

 

 

 

 

Die immanente Logik dieser Verrücktheit ist jedem aufgeklärten Zeitgenos­sen so geläufig, dass die Verrücktheit selbst, die absurde Umdrehung von Zweck und Mittel, nicht einmal dann groß auffällt, wenn die Entwicklung neuer Waren und die Weckung entsprechender Bedürfnisse gefordert wird —von engagierten Gewerkschaftlern ebenso wie von US-Präsidenten und BundeskanzlerInnen - um „Arbeit zu schaffen“. Sogar die
Bedürfnisse
selber, die durch Arbeitsprodukte befriedigt werden, und zwar die naturwüchsig-notwendigen ebenso wie die kunstreich erworbenen, sind in der Welt der Marktwirtschaft bloß Mittel zum Zweck - zu dem Zweck nämlich, mit Arbeit Geld zu verdienen. Dabei fallen in dieser Zweckbestimmung Arbeitsaufwand und Geldertrag tatsächlich so vollständig zusammen, dass eine in der Marktwirtschaft befangene Gesellschaft allen Ernstes ein Bedürfnis nach Arbeit entwickelt — dies allerdings, wie auch ein jeder weiß und dummerweise ganz normal findet - ausgerechnet deswegen, weil die herrschende Gleichung von Arbeit und Geldverdienen zwei komplementär gegensätzliche Bedeutungen hat, die die Gesellschaft politökonomisch in Klassen scheiden.

 

 

Ü Die „breite Masse“ braucht jemanden, nämlich einen „Arbeitgeber“ mit Geld, der sie für geleistete Arbeit bezahlt. Genau genommen benötigt sie also weniger die Arbeit als das dafür gezahlte Entgelt. Als „abhängig Beschäftigter“ verfügt der Mensch aber von sich aus noch nicht einmal über die Möglichkeit, zu arbeiten und dafür Geld zu verlangen. Er ist darauf angewiesen, dass ein Unternehmer ihm überhaupt etwas zu tun gibt: Die Gelegenheit, mit Arbeit Geld zu verdienen, unterliegt selber fremder Verfügungsgewalt, liegt wie ein unverfügbarer elementarer Bedarfsartikel außerhalb seiner Reichweite. So macht die Not für ihn das Arbeiten selber zum elementaren ökonomischen Anliegen. Hat eine derart „unselbständige“ Person glücklich einen Arbeitsplatz gefunden, dann setzt sich diese Gleichung von Arbeit und Geld für sie in der Weise fort, dass ihre einzige Chance, ihr Arbeitsentgelt aufzubessern, in vermehrter An­strengung und Mühe und verlängerter Arbeitszeit liegt — und auch diese Chance ist kein ihr verfügbares Mittel, sondern ein Angebot, das die Gegenseite ihr erst machen und nach der sie selber „nachfragen“ muss, wie nach einem Bedürfnisgegenstand.

 

 

Ü Diese andere Seite, die gemäß marktwirtschaftlicher Sprachregelung kurz und bündig die Wirtschaft heißt, braucht ihrerseits die Arbeit anderer Leute, eines angestellten Fußvolks. Sie braucht das nicht für irgendein spezielles Be­dürfnis, das die entsprechenden Figuren sich gegen Geld bequem erfüllen lassen möchten, sondern als Geldquelle: als Quelle frisch geschaffenen Eigentums in Gestalt verkäuflicher Ware welcher Art auch immer, die Geld einbringt. Sie hat ein Bedürfnis nach Arbeit; und das ist ebenso bedingt wie maßlos. Bedingung ist ein Verhältnis zwischen weggezahltem Arbeitsentgelt und eingenommenem Geldbetrag der angewandten Arbeit, das den ‚Arbeitgeber´ reicher macht; und das nicht bloß überhaupt und irgendwie, sondern in solchem Umfang, dass er sich unter seinesgleichen, „am Markt, also gegen seine Konkurrenten, mit besonders preiswerten Verkaufsschlagern durchsetzen kann. Insoweit kalku­liert er mit Arbeit als Mittel zum Zweck: als notwendigem Aufwand - freilich nicht an Zeit und Mühe, sondern an Geld, das fremden Leuten gezahlt werden muss, um ein Maximum an Ertrag aus ihrer Arbeit herauszuholen. Diese Kalku­lation gebietet Sparsamkeit in doppeltem Sinn: Billig muss die benötigte Arbeitsmenge sein, also der Lohn pro verfügbarer Arbeitszeit niedrig; und im Ver­hältnis zum verkäuflichen Produkt muss die benötigte Arbeitsmenge selber gering ausfallen — oder umgekehrt jede bezahlte Arbeitsstunde ein Höchstmaß an geldwertem Output hergeben. Äußerst verschwenderisch ist diese Sparsamkeit also, was den Aufwand der „abhängig Beschäftigten“ an Arbeitsmühe, an Arbeitszeit und an Arbeit pro Zeit, also an Leistung, anbetrifft: zugleich sehr verächtlich hinsichtlich des mit Geld zu bezahlenden Werts der angewandten Arbeitskraft. Beides zusammen macht die Arbeit rentabel und das ist die unerlässli­che, zugleich aber auch die einzige Bedingung, der die Arbeit genügen muss, um für „die Wirtschaft“ als Mittel zu taugen und nachgefragt zu werden: Ihr Bedarf an rentabler Arbeit ist schlechthin maßlos.  Es kennt keinen Bedarf, mit dessen Deckung es einmal befriedigt wäre: Ums Kommando über ein immer größeres Maximum an rentabler Arbeit tobt der Konkurrenzkampf der Unterneh­men; immer mehr rentable Arbeit ist selber der ökonomische Zweck der Gesellschaft.

 

Dieses grenzenlose Bedürfnis verschärft umgekehrt das Bemühen der konkurrierenden Akteure der freiheitlichen Marktwirtschaft um immer härtere Restriktionen bei der Bezahlung und bei der Anwendung bezahlter Arbeit, also um ein immer kleineres Minimum an Arbeit überhaupt im Verhältnis zum geschaffenen Geldwert und an zu zahlendem Arbeitsentgelt: Das ist ja die Waffe der Konkurrenz um den kapitalistischen Reichtum, der seine Quelle in rentabler Arbeit und sein Maß in deren Menge hat.

 

 

 

 

 

b)

 

 

 

 

 

Der moderne Staat betreut diese Verhältnisse mit seiner ganzen Recht setzen­den und durchsetzenden Gewalt. Dass er sie seinen Rechtssubjekten erst aufnö­tigt, dass seine politische Ökonomie insgesamt eine gewalttätige Angelegenheit ist, das würde freilich kein Verantwortlicher zugeben. Wer im freiheitlichen Gemeinwesen etwas zu sagen hat, findet einfach überhaupt nichts dabei, das Dasein der Bürger in ein Korsett von Vorschriften zu zwängen, die Arbeit für Geld zum alleinigen gesellschaftlichen Lebenszweck und -mittel machen; das hält man im Gegenteil für einen Dienst, den die Regierenden ihren selbstver­antwortlichen Untertanen schulden und mit dem sie den sachlichen Erforder­nissen der natürlicherweise herrschenden Marktwirtschaft entsprechen müssen, weil die sonst doch nicht funktioniert. So macht moderne Politik sich das so ein­deutig zweideutige gesellschaftliche Grundbedürfnis nach Arbeit sachgerecht zu Eigen.

 

Den Unternehmern, die kraft ihres gesetzlich geschützten Eigentums über die Lizenz zum Gebrauch und zur Ausnutzung der gesellschaftlichen Ar­beit verfügen, steht sie mit einem beständig verfeinerten Katalog von Vorschrif­ten, Maßregeln und Beihilfen zur Seite, damit die Ausübung der privaten Kom­mandomacht über die Quellen des marktwirtschaftlichen Reichtums im Allge­meinen wie im Besonderen möglichst ertragreich ausfällt. Das ist keine leichte Aufgabe angesichts der Tatsache, dass der allseitige Konkurrenzkampf kapita­listischer Eigentümer und die dafür notwendige Anarchie der Märkte über­haupt nie zur allseitigen Zufriedenheit der betroffenen Nutznießer zu steuern sind. Immerhin kommen die politisch Verant­wortlichen ganz gut damit zurecht, dass ihre Fürsorge für ein gedeihliches Kapitalwachstum immer von irgendwem als Freiheitsberaubung und Entrechtung des Eigentums zurückgewiesen und zugleich reformerische Tatkraft im Interesse der ökonomischen Vernunft einge­fordert wird: Sie bauen die widersprüchlichen Anforderungen „der Wirtschaft“ in ihre Parteienkonkurrenz ein und können im Übrigen sowieso nichts falsch machen, wenn sie sich an die eine parteiübergreifende Haupt- und Generallinie halten: Erstens muss Arbeit rentabel sein, und zweitens muss so viel rentable Arbeit wie möglich und immer mehr davon unter dem Kommando und zum Nutzen der nationalen Unternehmerschaft stattfinden. Indem sie sich dafür stark macht, erfüllt eine sachgerechte Wirtschaftspolitik nicht bloß ihre Verant­wortung für „die Wirtschaft“, sondern ebenso das Bedürfnis und moralische Recht der Volksmassen, „beschäftigt“ zu werden:

 

Dem Verlangen nach einem Arbeitsplatz gibt der moderne Klassenstaat voll Recht. hält dabei strikt daran fest, dass dieses hohe Gut in den Händen einer Minderheit von Arbeitgebern liegt, und fördert auf der Grundlage die allgemeine Bereitschaft der aktiven wie vor allem der verhinderten Arbeitnehmer, um einer Arbeit willen beim Lebens­unterhalt Abstriche zu machen und bei der Verfügbarkeit und beim Leistungs­willen zuzulegen.

 

So dienen die Machthaber ihrem Gemeinwesen und haben dabei zugleich die materielle Grundlage ihrer Herrschaft im Blick. Die besteht nämlich in dem Geld der gegenständlichen Macht über die gesamte markt­wirtschaftliche Warenwelt und die Arbeit, die diese hervorbringt - das unter der Regie konkurrenz­tüchtiger Arbeitgeber an rentablen Arbeitsplätzen ge­schaffen und von kapitalistischen Eigentümern akkumuliert wird.

 

 

 

 

 

 

 

Als derart eigennütziger und deswegen erst recht bedingungsloser Freund und Förderer des Wirtschaftswachstums, des unendlichen Bemühens seiner Eigentümerklasse um Bereicherung, entdeckt der Staat an Land und Leuten, die er dafür verfügbar macht, einen ganz entscheidenden Mangel: Für den maß­losen Expansionsdrang des Kapitals, das er betreut, ist sein Herrschaftsbereich, wie ausgedehnt auch immer, prinzipiell zu klein.

Die gesellschaftliche Zahlungs­fähigkeit, dazu bestimmt, die Produkte der gesellschaftlichen Arbeit in wirkli­chen, nämlich abstrakten Reichtum: in Geld zu verwandeln, ist auf die heimi­sche Bürgerschaft beschränkt deren Kaufkraft noch dazu dadurch, dass die lohnabhängige Mehrheit nur in den Grenzen ihres nach Rentabilitätskriterien bemessenen Arbeitsentgelts über solche Kraft verfügt - und diese Schranke widerspricht den Grunderfordernissen kapitalistischer Geldvermehrung - ganz jenseits und unabhängig von der Frage, ob auf der einen Seite schon jede Not­durft befriedigt ist und was für Bedürfnisse auf der anderen Seite erfunden und geweckt werden, um mit extravaganten Waren und Dienstleitungen Geld abzu­holen; unabhängig auch davon, ob überhaupt und wie viele Produzenten und Kaufhäuser auf ihren Angeboten sitzen bleiben. Dasselbe gilt für die natürlichen Ressourcen, die die Wirtschaft einer Nation für ihr Wachstum benötigt und verbraucht: Was sich innerhalb des staatlichen Hoheitsgebiets findet, ist allemal endlich, deswegen prinzipiell und womöglich sogar ganz aktuell eine Schranke für den akkumulierenden Reichtum.

Und auch wenn der nationale Arbeits­markt reichlich mit Arbeitslosen bestückt ist, reichen die Wachstumspotenzen, die „die Wirtschaft“ entwickelt und entfalten soll, grundsätzlich über den heimischen Personalbestand hinaus; auch in der Hinsicht sind die räumlichen Gren­zen nationalstaatlicher Macht unverträglich mit dem maßlosen Expansions­drang des Kapitals. Folglich tun die politisch Verantwortlichen alles, um die Grenzen ihres Staatswesens, also die ihrer Nachbarn und überhaupt alle Gren­zen dieser Welt für die private Zugriffsmacht des national tätigen Kapitals „durchlässig“ zu machen.

Eine ihrer marktwirtschaftlichen Machtbasis bewusste Staatsgewalt ver­schafft ihren Kaufleuten Zugang zu den natürlichen Ressourcen der auswärti­gen Welt: zu Bodenschätzen, an denen es im eigenen Land fehlt oder die dort nur unter hohem Kostenaufwand zu fördern wären, sowie zu Agrarprodukten aus anderen Klimazonen bzw. aus Ländern, wo solche Produkte billiger als daheim herzustellen sind.

Zum Auftakt der neueren Geschichte des Kapitalis­mus ist da vor allem das verrückteste systemeigene Bedürfnis dieser Produk­tionsweise voll zum Zuge gekommen: In großem Stil und ohne Rücksicht auf Verluste herbeigeschafft wurde Gold: nicht, weil es für irgendein bestimmtes materielles Bedürfnis nützlich oder als Produktionsmittel unentbehrlich gewe­sen wäre, sondern weil es kraft Gewalt und Gewohnheit die Macht des Eigentums über alles Nützliche und dessen Produktion gegenständlich repräsentiert, als „Fetisch“ der bürgerlichen Welt, der deren ökonomisches Gewaltverhältnis in Gewichtseinheiten buchstäblich verkörpert. Den Nutzen aus dieser großen Be­schaffungsaktion haben, ganz sachgerecht, nicht die räuberischen Kolonialher­ren akkumuliert, die das Gold bloß weggezahlt haben, sondern die Kaufleute, die es verdient, als Grundlage für Kredit und den Kredit als Kapital verwendet und auf die Weise ihre geschäftsmäßige Bereicherung an den Arbeitsleistungen und -produkten eigener und fremder Arbeitskräfte in Schwung gebracht haben.

Die Nationen, die so: nicht durch die geraubte Geldware als solche, sondern ver­mittels deren kapitalistisch zweckmäßiger Verwendung, zu Zentren der Kapitalakkumulation geworden sind, haben längst weit anspruchsvollere Zugriffsbe­dürfnisse entwickelt: Heute ringen sie, zäh und erbittert, um Rohstoffquellen für ihre Industrie und insbesondere um gesicherte Verfügung über natürliche Ener­gieträger, die für ihre Wirtschaft materiell unentbehrlich sind, mit ihrem Preis in jede marktwirtschaftliche Kostenrechnung eingehen und so mitentscheiden über die Wachstumspotenzen der Nationen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Entscheidend wichtig sind billige Rohstoffe aus aller Welt, die die Material- und Energiekosten der Unternehmen gering halten, deswegen, weil Kapitalis­ten heute mit ihren Warenpreisen weltweit konkurrieren. Der moderne Staat setzt nämlich alles daran und hat es weit dabei gebracht, seinen Kapitalisten den Zugang zu auswärtigen Absatzmärkten zu öffnen, wo sie ihr Kommando über rentabel gemachte Arbeit gegen dortige Konkurrenten ausspielen und fremdes Geld verdienen können. Im Gegenzug macht er das eigene Hoheitsgebiet aus­wärtigen Anbietern als Markt zugänglich, setzt die heimische Unternehmerschaft deren Konkurrenz aus, riskiert damit den Abfluss marktwirtschaftlich realisierten Reichtums ins Ausland und kommt deswegen nicht darum herum, den Kostenaufwand der auf seinem Gebiet tätigen Geschäftswelt mit dem anderer Standorte kritisch zu vergleichen. Priorität hat für eine moderne bür­gerliche Staatsmacht zwar auf alle Fälle die Aufhebung der Schranke, die die Grenzen des nationalen Marktes für das Wachstum der nationalen Wirtschaft und deren maßloses Bedürfnis nach Geldgewinn aus rentabler Arbeit darstel­len: doch damit hören die kritischen Vorteils-Nachteils-Rechnungen nicht auf, so fangen sie überhaupt erst an.

Diese Kalkulationen betreffen natürlich nicht bloß den Preis importierter Rohstoffe, sondern die Konkurrenzverhältnisse ins­gesamt. Auswärtigen Unternehmen mit überlegener Rentabilität und Wachstumsmacht wird die Aufmischung des heimischen Marktes zum Schaden heimi­scher Anbieter mit Abwehrzöllen, Kontingentierungen und anderen Restrik­tionen schwer gemacht oder untersagt; umgekehrt wird anderen Nationen die Unterwerfung unter die Konkurrenzstrategien eigener Unternehmen zugemu­tet, mit denen die sich fremde Märkte zu erobern suchen.

Unter der Prämisse. dass auf jeden Fall grenzüberschreitend Geld verdient werden muss und soll kombinieren die regierenden Inter-Nationalisten der Marktwirtschaft Protek­tionismus und Freihandel und haben es zu dem heutigen Weltmarkt gebracht, der mit seiner Warenflut und der darüber ausgetragenen Konkurrenz ums Geld der Welt keinen Erdenwinkel mehr auslässt.

 

 

 

 

 

 

 

Diese weltweite Konkurrenz um das Kommando über das
Maximum
an Geld bringender Arbeit bestreiten die engagierten Unternehmer mit dem Kampf um die rentabelste Arbeit: und deswegen beschränken sie sich nicht auf den Warenhandel, sondern machen zum Zwecke weltweiter Marktbe­herrschung das Inter­esse geltend, Arbeit zu benutzen, wo immer sich die Gelegenheit zu konkur­renztüchtig rentabler Ausbeutung dieses Produktionsfaktors bietet.

Auch die­ses Bedürfnis versteht der moderne, weltoffene Souverän gut; und in der Erwar­tung, dass die geschäftsmäßige Bereicherung der Unternehmer der eigenen Nation, wo immer sie zustande kommt, unweigerlich auch dem eigenen nationa­len Wirtschaftswachstum dient, räumt er seinen Arbeitgebern grundsätzlich das Recht ein, mit ihrer profitträchtigen Kommandomacht nach „draußen“ zu gehen und sich an auswärtigen Standorten preiswerter Arbeit zu bedienen; umgekehrt lädt er ausländische Konzerne ein, ins eigene Land zu kommen und da sich selbst, den ortsansässigen Massen und vor allem ihm als zuständiger Herrschaft das Bedürfnis nach Arbeit zu erfüllen. Die Erwartung eines unaus­bleiblichen nationalen Nutzens geht zwar überhaupt nicht durchgängig auf kann auch schon deswegen gar nicht in Erfüllung gehen, weil die Konkurrenz-Strategien der Konzerne und die Manöver der interessierten und betroffenen Staaten sich dauernd durchkreuzen. Alle schlechten Erfahrungen haben aber bis heute nicht zum Spielabbruch geführt, sondern zu etlichen Fortschritten und neuen Errungenschaften kapitalistischer Standortpolitik.

 

 

 

 

 

c)

 

 

 

 

 

Aus der weltweiten Konkurrenz, zu der sie die unter ihrer Hoheit tätigen Unter­nehmer ermächtigen und nötigen, ziehen moderne Staatsgewalten eine prakti­sche Schlussfolgerung: Sie finden sich selbst genötigt - und zwar ohne dass dafür erst schlechte Bilanzen eingetreten sein müssten - die Konkurrenzmacht ihrer jeweiligen nationalen Unternehmerschaft nach Kräften zu fördern und die Geschäftsbedingungen im eigenen Land so attraktiv wie möglich zu machen. Dazu besichtigen sie kritisch und reformieren sämtliche Voraussetzungen, auf die der ausbeuterische Gebrauch der gesellschaftlichen Arbeit bei ihnen trifft, und alle Hilfestellungen, die sie von Amts wegen dafür leisten, unter dem Gesichtspunkt, was sie als Waffen im praktischen internationalen Leistungsver­gleich leisten. In diesem Sinne kümmern sie sich um den Faktor Arbeit ums nationale Lohnniveau einschließlich der Kosten fürs „Soziale“ auf der einen, um seine zeitgemäße Brauchbarkeit auf der anderen Seite, also um allgemeine und gehobene Ausbildung, Volksgesundheit, Moral und Einsatzbereitschaft und darum, dass die Kosten dafür im Rahmen bleiben. Das alles gehört zwar ohne­hin zum Aufgabenkatalog einer verantwortungsbewussten Regierung im klas­senstaatlichen Gemeinwesen; vom selbst geschaffenen Sachzwang der interna­tionalen Konkurrenz lassen sich die Verantwortlichen aber gerne zu zielbewuss­ter Härte herausfordern und berufen sich dafür vor den Opfern ihrer Politik offensiv auf ihre Ohnmacht angesichts einer auswärtigen Konkurrenz, die machtvoll in Schach gehalten werden muss. Für die Infrastruktur und den techni­schen Fortschritt auf dem weiten Feld der „innovativen“ Produkte wie Produk­tionsverfahren, des Warenverkehrs, der Kommunikation, der Geldzirkulation usw. nehmen Politiker hingegen durchaus großzügig „Geld in die Hand“. Damit belasten sie zwar unweigerlich doch wieder „die Wirtschaft“, um deren welt­weite Konkurrenzfähigkeit es ihnen geht; denn irgendwoher muss das Geld ja kommen, und aus noch so großer Sparsamkeit im Sozialbereich kommt es letzt­lich dann doch nicht. Mit den Künsten staatlicher Kreditschöpfung lässt dieser Widerspruch sich aber ganz gut abmildern, sogar zu einer Einkommensquelle für Geldanleger ausgestalten. Und außerdem versteht es eine moderne Regie­rung, bedeutenden Unternehmen ungeachtet der Steuern, die sie zahlen müs­sen, zu einer Größe zu verhelfen, die es ihnen erlaubt, die staatlichen Angebote in Sachen rentabler Benutzung der gesellschaftlichen Arbeit voll auszuschöp­fen und eine im Weltmaßstab durchschlagende Konkurrenzmacht zu entfalten.

 

 

 

 

 

 

 

Die zielstrebige Aufrüstung der nationalen Wirtschaft für die Eroberung des Weltmarkts zieht für die Staatsgewalt umgekehrt ganz folgerichtig die Notwen­digkeit nach sich, nun erst recht und umso konsequenter auf einem funktionie­renden Weltmarkt, also darauf zu bestehen, dass alle Nationen ihre Ökonomie ohne Einschränkung und unwiderruflich der Konkurrenz aussetzen. Schließlich sind gerade die erfolgreichsten kapitalistischen Gemeinwesen, deren Unterneh­mer in aller Welt Geld verdienen und dadurch den nationalen Reichtum meh­ren, existenziell davon abhängig, dass der Zugriff ihrer Multis auf das Geld der anderen Nationen, und zwar grundsätzlich aller anderen, gewährleistet bleibt:

 

 

Die Kapitalakkumulation in diesen Ländern ist „globalisiert“; sie braucht im Maß ihrer Wucht und Größe den perfekten Weltmarkt als ihr Erfolgsmittel. Und dafür will permanent gesorgt sein. Denn so viel steht fest: Die unablässig neu aufgelegte frohe Botschaft vom allseitigen Wachstum durch freien Handel ist eine Phrase, die den Erfolg der Erfolgreichen verklärt und von den Opfern absieht, die der globale Konkurrenzkampf auch unter dessen Machern, den Akteuren des kapitalistischen Überlebenskampfes, unweigerlich kostet. Die Rechnung jedenfalls, dass alle Nationen mit ihren Weltmarkt-Aktivitäten wech­selseitig die Akkumulation anheizen, von der sie profitieren, und dass sie von dem Wachstum profitieren, das sie bei ihren Handelspartnern auslösen, geht nicht einmal in Phasen eines allgemeinen weltweiten Wirtschaftswachstums wirklich auf: Die nationalen Märkte, die fürs nationale Kapital zu klein sind, sind nicht automatisch groß genug, um auch noch dem Kapital von auswärts, das sich auf ihnen breit macht, zusätzlich zu Wachstumserfolgen zu verhelfen: oder umgekehrt: Die nationalen Geschäftswelten, denen ihr jeweiliger heimischer Standort zu wenig Expansionschancen bietet, expandieren nicht so ohne Weiteres allesamt und gedeihlich nebeneinander, wenn sie in die Standorte ihrer Konkurrenten hinein expandieren. Dass Unternehmen aus einem Land am Wachs­tum in einem anderen teilhaben und zugleich dazu beitragen, hat allemal die Kehrseite, dass sie ihren Konkurrenten Wachstum streitig machen: und Schäden in den nationalen Bilanzen bleiben nicht aus.

 

Deswegen gilt es Vorkehrungen dagegen zu treffen, dass Nationen, die zeitweilig oder notorisch zu den Verlie­rern in der Konkurrenz um kapitalistischen Reichtum und Wachstumspotenzen gehören, sich „über Gebühr“ der Freiheit weltweiten Konkurrierens entziehen. Umgekehrt möchte auch dafür gesorgt sein, dass Gewinner ihre Marktmacht nicht „über Gebühr“ ausnutzen:
Der moderne Kapitalismus muss als Weltgeschäft
weitergehen, weil er sonst gar nicht weitergeht.

 

 

 

 

Da gibt es viel zu tun für aufgeklärte Standort-Politiker.

 

 

 

 

 

d)

 

 

 

 

 

Auf ihre pragmatische Art haben die Chefs der kapitalistischen Großmächte nach zwei Weltkriegen um die Aufteilung der Welt eingesehen - bzw. sich notge­drungen der US-amerikanischen Erkenntnis angeschlossen - dass es für ein hinreichend schrankenloses Kapitalwachstum mit gewaltsam abgegrenzten und monopolisierten Geschäftssphären nicht getan ist, sondern eine gesicherte welt­weite Freizügigkeit für Waren und Geld braucht, eine allgemeine Freiheit des kapitalistischen Zugriffs auf Märkte, Ressourcen und Arbeitskräfte überall auf dem Globus. Dabei genügt es auch nicht, bilateral überlegene Konkurrenzmacht auszuspielen und Gewinne davonzutragen: Um Handelspartner verläss­lich und dauerhaft als Geldquelle und Expansionssphäre des eigenen Kapitalis­mus zu nutzen, müssen die maßgeblichen Nationen einander und dem Rest der Welt Angebote machen, Chancen zum Geldverdienen eröffnen, Beiträge zum Wachstum in deren Ländern in Aussicht stellen. Nur so lassen sich die Kontra­henten in Abhängigkeiten verwickeln, die sich auch im Fall schlechter Bilanzen nicht einfach kündigen lassen und die es gestatten, mit dem Entzug von Lizen­zen zu drohen und mit der Verweigerung von Geschäftsgelegenheiten Wirkung zu erzielen. Die entscheidenden Fortschritte in dieser Richtung haben die Ame­rikaner in den Jahrzehnten des Kalten Krieges mit ihrer Allianz mit den Westeuropäern zuwege gebracht: Der Nordatlantik-Pakt sollte nicht bloß ein anti-sowjetisches Kriegsbündnis sein, sondern ein kapitalistischer Block, festgelegt auf die „Herrschaft des Rechts“ mit der kompletten politischen Ökonomie des Eigentums als Inhalt und auf ökonomische Kooperation und wechselseitige Förderung verpflichtet. Die Konkurrenz der weltwirtschaftlich entscheidenden Nationen wurde freigesetzt, zugleich unter die Maßregel der Stärkung aller Allianzpartner gegen den gemeinsamen Hauptfeind im Osten gestellt und dem Expansionsdrang des Kapitals, naturgemäß insbesondere des amerikanischen, überantwortet, dessen Leistungen dem Bündnis seine materielle Basis schaffen und sichern sollten. So kam zwischen den wichtigen kapitalistischen Nationen, von da aus auch mit den nach und nach verselbstständigten Mitgliedern ihrer Kolonialreiche und schließlich weltweit, sogar in den Block der sozialistischen „Staatshandelsländer“ hinein, ein multilateral geregeltes Konkurrieren in Gang, eine fest vereinbarte und supranational regulierte Anarchie der Märkte als Ordnungsrahmen für ein politökonomisches Kräftemessen, mit dem der Erfolg der stärksten Konkurrenten quasi methodisch festgeschrieben war. Die so vorangetriebene wechselseitige Abhängigkeit unterschiedlich potenter Konkur­renten gab Ansatzpunkte und Hebel für eine bestimmende Einflussnahme der Stärkeren auf die Handels- und Standortpolitik der schwächeren Partner her; eine Einflussnahme, die sich schon längst nicht mehr auf die Nötigung der Gegenseite zu berechnenden Zugeständnissen beschränkt, sondern auf die standortpolitische Staatsräson des Kontrahenten zielt. Ausgehend vom Grundsatz der „Meistbegünstigung“ - der Nicht-Exklusivität bilateral vereinbarter Handelserleichterungen - wurde ein Regelwerk entwickelt und mit der WTO ein Kanon von Eingriffsrechten und Wohlverhaltenspflichten institutionalisiert, die einem sehr tief eingreifenden, reichlich einseitigen internationalen Erpres­sungswesen den Anschein und sogar den Charakter eines auf Einvernehmen zielenden großen Ratschlags verleihen: einer permanenten gemeinsamen Bera­tung zwecks friedlich-schiedlicher Beschlussfassung über den Fortschritt allge­meiner Wohlfahrt durch Freiheit des Welthandels. Innerhalb dieses Systems haben die westeuropäischen Nationen das Unternehmen gestartet, ihre part­nerschaftliche Konkurrenz und wechselseitige Beeinflussung einer gemeinsa­men politischen Regie zu unterwerfen, um mit Unternehmen, die auf einem weiträumigen Binnenmarkt in eine neue Größenordnung hineinwachsen, und mit einer teilweise gemeinschaftlichen Bewirtschaftung ihrer Länder und Leute die Konkurrenz mit dem übermächtigen US-Kapitalismus aufnehmen zu kön­nen: im direkten Leistungsvergleich beim Kampf um die Konzentration rentabler Arbeit auf dem eigenen Territorium wie beim Zugriff auf die Märkte, Res­sourcen und Ausbeutungsgelegenheiten dritter Länder. Im Dauerstreit um die richtigen Regeln für die Freiheit des Weltgeschäfts tritt die EU als kollektive Wirtschaftsgroßmacht auf; und wie von selbst folgt für ihre hauptverantwortli­chen Macher aus ihrer gemeinsamen Konkurrenzmacht das Programm, im Ver­kehr mit der konkurrierenden Außenwelt nicht bloß die passenden Geschäfts­bedingungen zu setzen, sondern auch militärisch für Sicherheit zu sorgen...

 

 

 

 

 

 

 

Das Ergebnis dieser Welthandelspolitik der letzten Jahrzehnte ist nicht bloß eine enorme Zunahme des weltumspannenden Waren- und Geldverkehrs. Mit der Akkumulation von Konkurrenzerfolgen und -niederlagen auf verschiede­nen Seiten - dies der wirkliche politökonomische Inhalt des so rasant „explodie­renden“ Welthandels - und der politischen Betreuung der unausbleiblichen Gegensätze haben sich die teilnehmenden Nationen, und das sind mittlerweile alle, in einen Status hineingewirtschaftet, einen Gesamtzustand ihres nationalen Kapitalismus, der ihren Stellenwert in einem System wechselseitiger Benut­zungsverhältnisse und Abhängigkeiten definiert und ihre Position in einer bemerkenswert stabilen
Hierarchie der Handelsmächte
festlegt.

 

 

 

 

 

Nordamerika, die EU, Japan mit seinem westpazifischen Umfeld: Das sind die bestimmenden Welthandelsmächte. Sie fungieren füreinander als die entschei­denden Märkte, auf denen es in großem Stil Geld zu verdienen gibt und daher die Konkurrenz zu bestehen gilt: was umgekehrt bedeutet: Ihre Multis konkur­rieren weltweit gegeneinander, setzen mit ihrer Konkurrenzmacht die Maß­stäbe für rentable Arbeit und erfolgreiches Geschäftemachen und setzen sie immer höher, prüfen unter diesem Kriterium und benutzen gegebenenfalls die anderen Nationen als Standorte und konzentrieren an ihren Heimat-Standor­ten die Wachstumspotenzen des globalen Kapitalismus.

Als Profiteure der weit­weiten Konkurrenz wahren diese drei Zentren des Weltgeschäfts bei aller Riva­lität einen Grundkonsens über die Konkurrenzbedingungen, die sie mehr oder weniger gemeinsam gegen den Rest der Welt durchsetzen; und ihre Einigkeit reicht einstweilen hin zur Absicherung der geordneten Anarchie, die es ihnen gestattet, von ihrer Konkurrenz gegeneinander und gegen den Rest der Welt zu profitieren.

 

 

 

 

 

 

 

Dabei haben sie es, außer miteinander, vor allem mit einer Hand voll Schwel­lenländer - halb Lateinamerika, halb Süd- und halb Ostasien - zu tun: Nationen, die sich dadurch als hochinteressante Kapitalanlagesphäre auszeichnen, dass sie unter den von außen vorgegebenen herrschenden Konkurrenzbedingungen für eine erfolgreiche Kapitalakkumulation einerseits nichts dringender als Kapital brauchen, dafür andererseits aber durchaus brauchbare Wachstumsbedingun­gen zu bieten haben - billige, rentabel einsetzbare Arbeitskräfte vor allem, hin­reichend funktionierende Klassenverhältnisse unter einigermaßen veriässlicher staatlicher Kontrolle, eine Infrastruktur, wie die moderne Geschäftswelt sie für ihre Bequemlichkeit braucht und fordert, und in der Perspektive einen interes­santen Markt: öffentliche und private Kunden, an denen sich gut Geld verdie­nen lässt. Das Etikett „Schwellenland“ - ebenso wie das englische Äquivalent „emerging market“ - kennzeichnet den prekären Status dieser Länder zwischen Kapitalmangel und kapitalistischem Erfolg, der für die maßgeblichen Welthan­delsmächte und für die betroffenen Nationen selber eine höchst unterschiedli­che Bedeutung hat: Die letzteren bemühen sich darum, die „Schwelle“ zur Welt­handelsmacht zu überschreiten, also im eigenen Land eine Kapitalakkumula­tion hinzukriegen, die es ihnen gestattet, den Gang des Welthandels mitzube­stimmen und selber zum Ausgangspunkt für Kapitalexport und die entspre­chende Benutzung und Zurichtung anderer Nationen zu werden. Die etablier­ten Großmächte des Welthandels tun dagegen einiges dafür, den Konkurrenz-Vorsprung ihrer Multis zu erhalten, eine ebenbürtige Konkurrenzmacht dieser neuen nützlichen Geschäftspartner zu verhindern, sie also in dem widersprüch­lichen Stand eines ergiebigen Marktes und zugleich einer kapitalbedürftigen Anlagesphäre festzuhalten. Der unausbleibliche Streit dreht sich um Dinge wie freien Marktzugang für Agrar- und andere Massengüter aus den aufstrebenden Beinahe-,,Industrienationen“ auf der einen Seite; die andere Seite kämpft schwerpunktmäßig um den „Schutz des geistigen Eigentums“ und hat dabei die Herrschaft der eigenen Geschäftswelt über alle gehobenen Abteilungen kapita­listischer Warenproduktion und Geschäftemacherei in „ihren – „emerging mar­kets“ zum Ziel.

 

 

 

 

 

Die meisten übrigen Länder sind mit ihrer Teilhabe am modernen Weltmarkt in die Kategorie der Rohstoff-Lieferanten eingerückt. Denen sagen die Apolo­geten des kapitalistischen Reichtums gerne einen „Widerspruch“ zwischen „natürlichen Reichtümern - Bodenschätzen, günstigen klimatischen Bedin­gungen, herrlicher Natur... -  und tatsächlicher Armut der Volksmassen nach: In dem Zusammenhang wollen diese Experten gleich gar nichts davon wissen, dass Reichtum in der modernen Welt seinen Inhalt und sein Maß in der Masse renta­bel angewandter Arbeit hat und überhaupt nicht in irgendwelchen Naturstof­fen, geschweige denn irgendwelchen Bequemlichkeiten ihrer Beschaffung:

 

 

 

 

Rohstoffe selber sind überhaupt kein Reichtum in dem Sinn und marktwirt­schaftlich nur so viel wert, wie kapitalistische Unternehmer im Interesse ihrer Bereicherung dafür zu zahlen bereit sind. Und was das Elend betrifft, so gehört es erstens zum Begriff des kapitalistischen Reichtums dazu, dass er allemal mit Armut in ihrer ebenso modernen Form: dem Ausschluss einer Mehrheit vom produzierten Überfluss, einhergeht; das drastische Elend der Massen in den politökonomisch durch Rohstoffexport definierten Ländern hat schon gleich nichts mit einem naturwüchsigen Mangel zu tun, der zu einer üppigen Natur irgendwie in Gegensatz stünde, sondern ist der durch die globale Geldwirtschaft erzwungene Ausschluss einer kapitalistischen Überbevölkerung, nämlich zahl­loser als Arbeitskräfte nutzloser Leute, von überreichlich vorhandenen Warenbergen. Tatsächlich bringt schon der Markenname dieser Länder zum Aus­druck, dass sie unter den herrschenden Weltmarktbedingungen mit ihrer Naturausstattung von sich aus nichts Nützliches anzufangen vermögen und vollstän­dig unter einen Hilfsdienst für die kapitalistisch produktiven Wirtschaftsmächte subsumiert sind. Immerhin hat sich unter diesen Ländern eine Elite herausge­bildet: Ölstaaten verdienen mit dem Ausverkauf ihres Bodenschatzes viel Geld. Das fungiert deswegen freilich noch lange nicht als Kapital, als Quelle nationa­len Reichtums in Geldform. Doppelt und kapitalistisch so richtig nützlich wer­den diese Länder erst durch das - entschieden parteilich so genannte -  „Recy­cling“ ihrer „Petrodollars“: wenn sie ihre Einnahmen in die Zentren des kapi­talistischen Finanzgeschäfts transferieren, wo man etwas Geldschöpferisches damit anzufangen weiß; oder wenn sie sich auf dem Weltmarkt mit Luxusgütern eindecken und in dem Bestreben, zum Schwellenland und weiter aufzusteigen, die Ausstattung für einen kompletten nationalen Kapitalkreislauf mit Fabriken und Verkehrswegen zusammenkaufen und auf die Art die rentable Arbeit der richtigen „Industrienationen“ versilbern. Der große Rest teilt sich auf in Län­der, die mit ihren natürlichen Gegebenheiten und dank einer Laune ihrer kolo­nialen und postkolonialen Geschichte eine Nische im Weltgeschäft gefunden haben, als privilegierter Zuckerfabrikant unter EU-Patronage z.B. oder als kari­bisches Touristenziel -  und in die andern, für deren Ver- und Zerfall die verant­wortliche Erste Welt derzeit den Status des „failing“ bzw. des „failed state“ ent­wickelt und nur unter dem zynischen Gesichtspunkt abzuwehrender Gefahren ‑ Aids, Terrorismus, Immigrantenflut... - noch Aufmerksamkeit erübrigt.

 

 

 

 

 

e)

 

 

 

 

 

Weltwirtschaftliche Erfolge und Misserfolge der Nationen realisieren sich - wie jedes Geschäftsergehnis -
in Geld:
in der Masse des national verdienten Geldes und in seiner weiteren Verwendung als Mittel für weiteres Wirtschaftswachs­tum. Masse und Ertragskraft des erwirtschafteten Geldes sind die kapitalistisch maßgebliche Quittung für die politökonomischen Leistungen und Fehlleistun­gen einer Nation, gültiger Ausdruck ihres Konkurrenz-Status und praktisch wirksame Vorentscheidung über ihre politökonomischen Erfolgsaussichten.

Das ist nur folgerichtig und gerecht. Denn wenn sich schon alles ums Geld dreht und drehen soll -  und darauf haben die Staaten in aller Welt sich festgelegt, den Reproduktionsprozess ihrer Gesellschaft dem Zweck der Geldvermehrung unterworfen, über Menschen und Natur, Produktivkräfte und Konsumartikel, Arbeit und gegenständlichen Reichtum das Verdikt verhängt, dass das alles ent­weder als Geldquelle fungiert oder gar nichts zählt - dann entscheidet sich das ökonomische Schicksal der Nationen auch am Geld: Dann werden sie im Gebrauch ihres Geldes als Mittel seiner eigenen Vermehrung zur Rechenschaft darüber gezogen, was sie taugen, und mit einer Abrechnung konfrontiert, die ihren Stellenwert im System des globalen Kapitalismus unerbittlich fest- und - zum Besseren oder noch Schlechteren - fortschreibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und dann kann es auch nicht verwundern, dass ein eigener kapitalistischer Geschäftszweig sich dieser Abrechnung annimmt.

 

 

 

 

 

2.    Die Währung und ihr Wert

3.     

 

 

 

 

Geld ist materialisierte, quantifizierte Kommandomacht über Produkte und Arbeit: die irrationale dingliche Gestalt des Ausschluss- und Gewaltverhältnis­ses, auf dem die politische Ökonomie des Kapitalismus beruht. Diese dem Geld kraft staatlicher Verfügung innewohnende Zugriffs- und Kommandomacht ist ihrerseits nicht unabhängig davon, was die Nation, die damit wirtschaftet, als Geldquelle zustande bringt:

Umgekehrt manifestiert sich die kapitalistische Leistungsfähigkeit einer Nation, ihr Stand in der Konkurrenz der Kapitalstandorte, in der Macht ihres Geldes. Die Ermittlung und praktische Herstellung dieses Konkurrenzergebnisses am Geld ist Sache einer besonderen Geschäftssphäre, in der es nicht ums Kaufen und Verkaufen von Waren geht, auch nicht ums Investieren und Ausbeuten von Arbeit; da wird vielmehr mit dem prüfenden Vergleichen der nationalen Gelder Geld verdient. Mit ihrem alltäglichen Ge­schäftsgang vollstreckt diese Branche die entscheidende politökonomische Sor­tierung der Staatenwelt.

 

 

 

 

 

a)

 

 

 

 

 

Gelder haben Wechselkurse; und dass denen eine große Bedeutung zukommt, sieht man schon daran, dass sie mehrfach täglich ermittelt und bekannt gemacht werden; per Fernsehnachrichten sogar regelmäßig einem Millionenpublikum, das mit solcher Information praktisch weiter gar nichts anfängt. Und was auch immer andere -  Exportkaufleute, Anlageberater, Notenbanker.. - daraus für Schlüsse ziehen: Das Interesse gilt allemal und allein den quantitativen Verhält­nissen, x britische Pfund gleich y Schweizer Franken oder 1 € = 1,28 $. Dass welt­weit ein reger Tauschhandel mit Währungen stattfindet, ist selbstverständlich und keines Aufhebens wert.

 

 

 

 

 

Das ist nicht gerecht. Denn immerhin geht es hier um den Stoff, auf den alles ankommt im Wirtschaftsleben moderner Nationen: um die Materie, in der der bescheidene Wohlstand der Massen bis hinunter zum Existenzminimum des Hartz-IV-Empfängers ebenso sein Maß und sein Mittel hat wie der Reichtum, von dessen Wachstum überhaupt alles abhängt, das Arbeitgeben wie das Ar­beitnehmen, das Privatleben wie der Staatshaushalt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gegenstandpunkt 3 06, S. 47 - 59

 

 

 

 

 

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