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Die Kritiker des Gipfels
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bestreiten den Repräsentanten der Weltmächte die Legitimation
zum Weltbeherrschen: „Sie maßen sich an, die Bedingungen des Zusammenlebens
auf dem Globus zu bestimmen“. Anderseits sehen einige in ihnen aber auch diejenigen, die
die Probleme der Welt lösen sollen: „BUND und Greenpeace verlangen
vom G8-Gipfel konkrete Beschlüsse zum Klimaschutz“ und
nehmen schließlich die gerade öffentlich gemachten Praktiken wie Vorbeugehaft,
Postkontrollen und Abnahme von Geruchsproben zum Anlass, an die Regierung zu
appellieren „eine «deeskalierende und besonnene» Haltung einzunehmen und «die
Demonstrationsfreiheit nicht einzuschränken», so die Generalsekretärin
der deutschen ai-Sektion, Barbara Lochbihler. |
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Die
Herren und die Dame in Heiligendamm sind demokratisch gewählt, also eindeutig
ermächtigt zur Ausübung ihrer Macht. Gestützt auf ihre lokalen Machtmittel
agieren sie global: Sie haben ihr gemeinsames Interesse am kapitalistischen Profit
als Weltsystem, als weltweit einzig noch gültigen Zweck des
Wirtschaftens etabliert, dem der Rest der Menschheit zu Gebote zu stehen hat.
Und
da rücken Leute, die an dem reichlichen Elend Anstoß nehmen, das der
globalisierte Kapitalismus schafft, dagegen mit einer moralischen
light-Version der Machtfrage an: Sie, die politischen Initiatoren und
Regenten des Weltgeschäfts, hätten sich "die Macht” doch nur
"angemaßt, Entscheidungen für die globale Ökonomie zu treffen”! Ja,
wo sind wir denn, dass die 7 Figuren meinen, über die Geschicke der ganzen
Menschheit entscheiden zu können! Dass
man sich die Frage, wo wir denn sind, vielleicht mal stellen sollte, fällt
Globalisierungs-Gegnern gar nicht ein. Jetzt haben Bush und Konsorten
doch die Macht, und machen von ihr Gebrauch - muss man da, wenn man
schon als Gegner ihres Machtgebrauchs aufmarschiert, sich nicht ein wenig
darüber kundig machen, woher sie diese Macht haben? Wer sie denn so
willfährig wie regelmäßig zu ihrem Tun ermächtigt? Damit man dann auch weiß,
wie und von wem diese Herrschaften auch zu entmachten sind? Nein,
muss man offenbar nicht. Als moderner Kritiker der "Globalisierung”
hält man die politische Macht nicht für eine praktische Frage, wirft diese
Frage daher auch gar nicht erst theoretisch auf, sondern für eine, der man
mit moralischen Überzeugungen bestens gewachsen ist. Macht hält man für eine
"Anmaßung” - ja, wo glauben eigentlich die Globalisierungs-Gegner,
dass sie sind? Macht erklären sie zu einer Sache, die denjenigen,
die sie innehaben, nicht zusteht und die sie denen deswegen einfach
absprechen können. Vertun sie sich da nicht ein wenig, wenn sie Macht für
eine Frage ihrer Legitimität halten und die Legitimation der Machthaber dann
auch noch für etwas anderes als das, was die sich in Gestalt des demokratischen
Verfahrens ihrer Ermächtigung ‑ regelmaiger Wahlen - herbeiorganisieren?
Nämlich für etwas, worüber sie – diese Träumer - nach ihren Vorstellungen gerechten
Regierens entscheiden könnten? Im
Überschwang ihrer moralischen Überzeugung sind diese Kritiker schon sehr der
Auffassung, dass sie sich mit keiner der Machenschaften zu befassen brauchen,
die die von ihnen kritisierten Herrschaften ins Werk setzen, und dennoch
gründlich mit ihnen fertig sind. Und das rächt sich. Was sie so über die zu
vermelden wissen, plappern sie nämlich dann einfach den Ideologien
nach, die die Machthaber selbst über sich verbreiten (lassen) - und siehe
da: Das Ding, das sich die so anmaßen, gibt es Recht besehen gar nicht: "Staatenlose
Wirtschaftsräume” gibt es stattdessen, eine "Entpolitisierung der
Politik” ist allenthalben zu verzeichnen, die "drastische Verarmung
von Milliarden von Menschen” rührt daher, dass "die Politik sich
selbst und ihre Bürger den von ihren Fesseln befreiten Kräften der Ökonomie
unterwirft.” Was sind sie denn nun, die Machthaber? Haben
sie nun die Mittel, über die globale Wirtschaft "Entscheidungen zu
treffen”? Maßen sie sich diese Mittel nur an und treffen ihre Entscheidungen
einfach so, ohne Macht? Oder sind sie sowieso nur entmachtete Hanswurste, die
schon längst nichts mehr zu entscheiden haben? Das
ist den Kritikern egal, sie halten es nicht einmal für nötig, in ihrem
Weltbild so weit für Ordnung zu sorgen, dass wenigstens einigermaßen ein
Stein auf den anderen passt. Aber wie auch immer: Die Ideologie vom
Weltmarkt als Sachzwang, den die Politik nicht schafft, sondern den sie als
ihre Herausforderung zu bewältigen hat, ist bei diesen Kritikern jedenfalls
prima angekommen. Sie wollen keine Zwecke kennen, in denen die vielen und von
ihnen beredt beklagten Übel der Welt ihren Grund haben, sondern nur eine
namenlose Notwendigkeit, der es Herr zu werden gilt. Ihr
Weltbild setzt sich aus der Vorstellung einer subjektlosen ökonomischen Macht
- die sie dann in einer "Diktatur des Profits und der Riesenkonzerne”
personalisieren - auf der einen und einem entmachteten politischen Subjekt
auf der anderen Seite zusammen, so dass sie sich wenigstens in der moralischen
Schuldfrage sehr perfekt auskennen und für jedes Opfer, das der Weltmarkt
hinterlässt, immer gleich zwei Verantwortliche benennen können: Eine Macht,
die Böses bewirkt, und eine andere, eigentlich gute, die allerdings den
wahren Herausforderungen der Globalisierung nicht gerecht wird, sich nämlich
aus Ignoranz, Schwäche oder Kumpanei mit der Macht des Bösen - wie auch immer
- lauter Unterlassungen zuschulden kommen lässt: das Profitstreben nicht
bändigt, ihrer eigenen Entmachtung nichts entgegensetzt usf. Dabei
bleiben die Protagonisten einer "Globalisierung von unten”
freilich nicht stehen. Sie glauben ihren Politikern nicht nur, dass es in der
Politik darum geht, all die Probleme zu bewältigen, die es ohne die
politischen Subjekte und deren konkurrierende Interessen gar nicht gäbe. Sie
glauben ihnen auch noch dort aufs Wort, wo die ihren Völkern ihr eigenes
Wirken als von einer "Globalisierung” bedauerlicherweise
erzwungene Verhinderung all der guten Werke verkaufen, die sie an sich
vorhätten. Die Kritiker träumen von einer
idealen Welt mit einem "nachhaltigen”, "humanen”
"Handelssystem, das allen Menschen Nutzen bringt”, verweigern also
nachhaltig jeden Blick auf die realen Mächte und in Kraft befindlichen
kapitalistischen Rechnungsarten, die ihr Eldorado praktisch zum bloßen
idealistischen Traum degradieren. Umso zielstrebiger und einsinniger
(vertrauensselig ist wirklich das falsche Wort) setzen
sie stattdessen auf den demokratischen
Nationalstaat als die Instanz, der sie politisch zwar nichts mehr
zutrauen, die Verwirklichung ihrer Ideale in Sachen Beglückung der globalisierten
Menschheit dafür aber umso heftiger: Für eine Renaissance des
Nationalen machen sie sich stark, dafür, "die Souveränität der
Völker sowie die nationalen und sub-nationalen demokratischen
Entscheidungsprozesse wiederherzustellen”! Hätten
sich die 190 Völker der Welt doch nur schon der nationalen Gewaltsubjekte
entledigt, die über sie regieren! Das wäre doch schon der halbe Weg hin zum
Genuss des Reichtums, der für sie lässig reicht - aber nein, genau umgekehrt
hat heute aller gesellschaftliche Fortschritt zu gehen: In die Hand einer staatlichen
Obrigkeit zurückgelegt gehören alle Regelungsfragen in Sachen Produktion
und Konsumtion, die ihr angeblich entglitten sind - natürlich einer
Obrigkeit, die von unten kommt, bei der man nicht die Befürchtung haben muss,
dass sie gleich wieder als nationales Monster auftritt, sondern sich
vielleicht doch eher bescheiden am Vorbild sub-nationaler Entscheidungsprozesse
orientiert. Als
Idealist hat man es leicht: Man beantragt eine Staatsmacht, die Gutes
bewirkt, und dementiert, dass man eine Herrschaft beantragt; man plädiert für
demokratische Entscheidungsverfahren, und abstrahiert einfach davon, dass die
Demokratie ein Ermächtigungsverfahren ist und sonst nichts. Nationen, demokratisch
verfasste, versteht sich, die Handel treiben und Märkte mit ihren Waren und
ihrem Kapital bestücken: Letztlich ist es schon
das, was es gibt, was diese 'Kritiker' fordern - nur eben all das besser,
humaner, ohne seine unerfreulichen Wirkungen; aber die lassen sich ja
lässig wegdenken von Demokratie und Marktwirtschaft, wenn man von ihrer
Notwendigkeit in diesem famosen System sowieso nichts wissen will. Das
wär's! Die für ihr menschheitsbeglückendes Wirken ja so berühmten nationalen
Demokratien mitsamt ihrem vornehmen Rechtsinstitut des Eigentums und der
Konkurrenz darum: Die sollen es richten und den Armen der Welt zu ihrem Glück
verhelfen! Und als ob dieser komplette Ersatz einer Kritik an Staat und Kapital
durch einen frommen, an ideologischen Maßstäben von Staat und Kapital
ausgerichteten und an den Staat adressierten Wunsch nicht schon
schlimm genug wäre, lassen sich die Globalisierungsgegner auch noch
heraushängen, wie überaus konstruktiv ihre Nicht-Kritik und wie "machbar”
ihr Ideal doch ist. Es ist nämlich nicht nur so, dass der Staat nur vorübergehend
an seinen Wohltaten verhindert ist. Im Grunde liegen auch schon alle Mittel
und Werkzeuge parat, mit denen er loslegen kann, und da zeigen sie schon mal
stellvertretend für ihn, dass man "die Globalisierung” auch
richtig machen kann: Da
gibt es beispielsweise "Zölle” und "Zollschranken”¸
"nicht-tarifäre Handelsbeschränkungen”, Regelungen über "Marktzugänge”
und dergleichen mehr. Diesen Einrichtungen vermögen die modernen Kritiker
durchaus den Zweck zu entnehmen, dem sie zu verdanken sind: Mit ihnen versuchen
Staaten dafür Sorge zu tragen, dass ihre Teilnahme an den Tauschhändeln des
Weltgeschäfts zu ihrem Vorteil ausfällt, und zwar auf Kosten anderer.
Den nicht besonders sensationellen weiterführenden Schluss, dass dann ja wohl
auch die Teilhabe am Weltgeschäft demselben Zweck zu verdanken sein möchte, dass
also der Welthandel insgesamt kein Versorgungsunternehmen, sondern der
Kampfplatz konkurrierender Subjekte ist und Handel
zwischen Nationen anders gar nicht zu haben ist, den finden sie
unmenschlich - den Schluss, nicht den Handel! Mehr Menschlichkeit wollen
sie dann in den Handel reinbringen durch aufregende Konzepte für die
Neufestsetzung von Zöllen. Instrumente Handel treibender Staaten können
sie sich eben geradesogut als Hebel der Armen und Entrechteten vorstellen.
Nach dem Motto: Könnte doch sein, dass konkurrierende Staaten ihren
Konkurrenzvorteil mal vergessen und zu ihren Lasten irgendwelchen
Hungerleidern auf die Beine helfen, beantragen sie einen uneigennützigen
Gebrauch all der Instrumente aus dem staatlichen Handbuch für Freihandel und
Protektionismus - bei denen, deren eigennützigen Berechnungen ihnen wohl
bekannt sind! Zölle sind für sie einmal
gut, weil sie die letzten
Relikte eines "Schutzes” vor den "freigesetzten Kräften
des Wirtschaftsliberalismus” darstellen, von denen die Armut der Länder
ja kommen soll - also geht an die Adresse dieser Länder die Empfehlung, sich
höherer Zölle zur Behauptung ihres "nationalen Wirtschaftskreislaufs”
möglichst eifrig zu bedienen. Das wird der Industrie in Afrika wahrscheinlich
zu gigantischen Absatzmärkten verhelfen. Dann sind Zölle aber auch ausgesprochen schlecht,
dort nämlich, wo sie sich einfach einmal vorstellen, die berühmten
"Handelsströme” könnten auch einmal andersherum fließen. Im Fall der "modernen
Industriestaaten” können diese heftigen Kritiker des "Neo-Liberalismus”
vom Freihandel gar nicht genug kriegen - "Schranken nieder!” und "Freiheit
des Marktzugangs für Enzwicklungsländer!” heißen da ihre Parolen. Wären
sie Zöllner geworden, dann wüssten sie wenigstens, wie Grenzschranken
funktionieren. In den Fragen von Kredit und Schulden sind sie ähnlich gut bewandert, und
gehen mit beidem ähnlich virtuos um. Für schlimm halten sie, "Kredite
und Darlehen in Abhängigkeit von so genannten ‚Strukturanpassungsprogrammen'
zu vergeben, was in den betroffenen Ländern zu Arbeitslosigkeit und dem Abbau
von sozialen und ökologischen Standards führt.” An sich ist der Kredit ja schon in
Ordnung, nur seine Auflagen - die sind der Hammer. Dann aber
ist schon auch der Kredit selbst von Übel, dort nämlich, wo die Schulden sich
zu einer "Schuldenfalle” aufgetürmt haben. Kredit also
nicht nur ohne Auflagen, sondern auch noch ohne Schulden - das halten
sie für den Dreh. Also verlangen sie "Schuldenstreichung” in
einem Fall und "erleichterten Zugang zu Kredit” in einem anderen,
am besten beides zusammen in ein und demselben Fall. Und so geht es dann
weiter dahin in dem Wunsch, das Finanzkapital und die internationalen
Kreditagenturen sollten den Minderbemittelten der Welt eine Versorgung
spendieren. Aktivisten gegen die "Macht der Märkte”, die
weder von den tatsächlich waltenden Mächten noch vom Funktionieren der Märkte
etwas wissen wollen, können sich selbstverständlich vorstellen, dass den
internationalen Spekulanten, die bei Nichterfüllung ihrer monetären Zukunftserwartungen
ganze "Realwirtschaften” zum Erliegen bringen, mit einer "Devisenumsatzsteuer”
gut beizukommen wäre. 1 % etwa - man will ja nicht den Eindruck erwecken, das
Geschäft abwürgen zu wollen - aber immerhin doch genug, um Finanzkapitalisten
in den längerfristigen Wiederaufbau von Volkswirtschaften ein wenig mit
einzuspannen - von denen, die mit dem Entzug ihres Vertrauens innerhalb von
zwei Wochen deren kompletten Ruin herbeigeführt haben, das würde es bringen! Mit solchen Kritikern hat die Politik kein Problem – wenn
sie sich auch noch entsprechend polizeilicher Vorgaben verhalten: „Bundeskanzlerin Merkel hat zum Gewaltverzicht bei
den Protesten gegen den G-8-Gipfel aufgerufen. Sonst sei ein Dialog
unmöglich, sagte Frau Merkel in einer Regierungserklärung vor dem Parlament
in Berlin. Die Bundesregierung nehme die Ängste der Bürger ernst. Die
Globalisierung müsse aber auf internationaler Ebene gestaltet werden. Hierfür
sei die G-8 ein wichtiges Gremium.“ Dass sie einen Dialog mit den Kritkern
führen würde, ist natürlich eine Erfindung, dass es von ihrer Seite überhaupt
einen ergebnisoffenen Dialog mit Bürgern gäbe, wo sie doch durch Wahlen und
Parlamentsabstimmung legitimiert ist, die Richtlinien der Politik festzulegen,
ein Irrtum, dem kaum jemand ernstlich anhängt. Und so versteht auch niemand
die Aufforderung zum Gewaltverzicht falsch: Er richtete sich nicht an ihre
demokratischen Schergen, die schon zuschlagen werden, wenn sich ein Clown dem
Zaun ungebührlich nährt.
Ins selbe Horn bläst der Bundesinnenminister: „Schäuble hat Demonstrationen
zum G-8-Gipfel in Heiligendamm als grundsätzlich erwünscht bezeichnet.
Wenn Bürger darauf aufmerksam machen wollten, dass es so mit Afrika oder der Klimapolitik nicht mehr weitergehen könne, sei das zu
begrüßen, sagte Schäuble der Zeitung "Bild am Sonntag". Zudem
verteidigte der CDU-Politiker erneut die Sicherheitsmaßnahmen während des
Treffens“, warnt aber noch „Globalisierungsgegner pauschal als kriminell
darzustellen.“ Wer seiner Herrschaft nur den Rücken gegen die bösen Mächte
der Globalisierung stärken möchte (Bis auf den ersten und die beiden letzten Absätze aus
einem Gegenstandpunkt-Artikel über den Gipfel von Genua übernommen und
entsprechend angepasst – die Kritik der Kritiker stimmt leider immer noch.) |
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