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Neues von der ersten Front
im „Krieg gegen den Terror“ |
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Aus Gegenstandpunkt 4-06Seitenzahlen
stehen in Klammern im Text |
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Das Ende der Erfolgsgeschichte beim afghanischen ‚Nation Building‘ die Solidarität der NATO-Befreiungskrieger |
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Nachdem die Befriedung, der Aufbau und die Demokratisierung fünf Jahre unaufhaltsam ihren fortschrittlichen Lauf genommen haben, herrscht laut gut unterrichteten Kreisen in Politik und Öffentlichkeit inzwischen hauptsächlich wieder Krieg in Afghanistan. Das Bild, das sie selber gezeichnet haben und das durch laufende Meldungen von Anschlägen, toten Talibankriegern und bombardierten Hochzeitsgesellschaften nicht zu erschüttern war, wird als Schönfärberei entlarvt. Es wird ersetzt durch die Warnung vor einem drohenden Scheitern des Gesamtprojekts und die Beschwörung, dass „wir das afghanische Volk“ jetzt erst recht „nicht (schon wieder) im Stich lassen dürfen“. Ein Abzug der Soldaten, weder der amerikanischen noch unserer friedliebenden deutschen, darf und wird nicht sein. Vielmehr ist die Zahl der hochgerüsteten westlichen Kampf- und Besatzungstruppen auf 40 000 angewachsen und weitere dringliche Appelle des NATO-Generalsekretärs zielen auf mehr. Dies die vorläufige amtliche Bilanz eines ‚Nation-Building‘-Programms, für das sich nach dem Blitzkrieg der USA gegen die Heimstatt der 9/11-Terroristen immerhin die UNO, die NATO und 37 Staaten vor Ort stark gemacht haben. |
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I. In Afghanistan steht eine komplette Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse auf dem Programm. Aber die Art und Weise, wie sie von der Nato betrieben wird, stärkt die Gegenkräfte und macht einen immer größeren militärischen Einsatz erforderlich. |
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Der einzige Zweck der importierten Demokratie, welche als
Ersatz für die Taliban-Diktatur verordnet wird: Sie soll den USA und ihren
Verbündeten die totale strategische Kontrolle über Land und Leute
verschaffen. Ein bisschen Fortsetzung des Krieges und ein paralleles
internationales Betreuungswesen zum Billigtarif sollten dafür reichen.
Tatsächlich entfalten die unvermeidlichen Widersprüche der praktizierten
Befriedungsstrategie ihre destruktiven Wirkungen und sorgen so für eine neue
imperialistische Auftragslage. |
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Wenn die westlichen Kriegsherren auf die „schwierige Lage“
am Hindukusch blicken, sind sie meist nicht verlegen, „Ursachen“ dingfest zu machen.
Die fassen sich recht griffig darin zusammen, dass die bösen Widersacher des
guten Aufbauwerks schuld daran sind, dass es in Krieg und Chaos zu versinken
droht. Dass es „immer noch“ oder „wieder vermehrt“ Kämpfer und Anhänger der
beseitigten Taliban-Herrschaft gibt, immer noch bzw. gar wachsenden Widerstand
von Stammesführern und immer noch oder mehr denn je Opiumfelder als einzige
echte Geldquelle, an der sich vor allem die Feinde der oktroyierten
Demokratie bereichern — diese tiefschürfende Analyse bekräftigt auf jeden
Fall den politischen Willen, alle Widerstände zu brechen, die sich dem
beabsichtigten Aufbau in den Weg stellen. Sie gibt darüber hinaus Auskunft
über die Kontinuität des zynischen Idealismus von Weltordnungsmächten, die
aus der zweifelsfreien Überlegenheit ihrer Gewalt die universelle Güte ihrer
Herrschafts(99) form und den Auftrag ableiten, der afghanischen Bevölkerung
genau die neue Obrigkeit zu
spendieren, die sie ihr gerade aufzwingen. Natürlich haben die Amerikaner -
ganz im Sinne der demonstrativen Vollstreckung und Wiederherstellung ihres
weltmächtigen Abschreckungsregimes nach den Terror-Attacken - nie einen
Zweifel daran aufkommen lassen, dass es ihnen um die Liquidierung eines
Staatswesens geht, das antiamerikanischen Attentätern eine Heimstatt bot,
sowie um die Einrichtung einer lokalen Vasallenherrschaft, mit deren Hilfe
die strategische Kontrolle und Nutzbarmachung dieses zentralasiatischen Landes
sichergestellt werden soll. Die Art und Weise der Durchsetzung dieses Zwecks, welcher die NATO ihren eigentümlichen
zivil-militärischen Einsatz-Auftrag (und ihr UNO-ISAF-Mandat) verdankt, folgt
dabei von Anfang an einer ziemlich abenteuerlichen Fall-Diagnose. Derzufolge ist mit dem erfolgreichen Bombenkrieg
und der Vertreibung der Taliban die alte Ordnung, da sie ja auf purer
Unterdrückung beruhte, so gut wie beseitigt, so dass sich die amerikanischen
Elitetruppen um „die Reste „ der
Gotteskrieger kümmern können, während daneben und hauptseitig „der Aufbau“ einer demokratisch-stabilen
Ordnung mit eingebauter Loyalität gegenüber den Befreiern vonstatten gehen
kann. Diese zuversichtliche Diagnose wird zum Leitfaden für eine komplette Staatsneugründung, sie wird praktisch
umgesetzt in der bekannten Mixtur aus kriegerischer und
zivil-entwicklungshelferischer Abteilung. Und zwar nicht nur von den
bewaffneten Mannschaften des Präsidenten Bush, dem in europäischen
Kulturkreisen des öfteren „missionarische Verblendung“ attestiert wird,
sondern ebenso von den Aufbauhelfern in Uniform, die Deutschland und andere
europäische Regierungen nach Afghanistan entsandt haben. Das Zwischenergebnis
liegt jetzt vor und ist täglich den Zeitungen zu entnehmen. Zu konstatieren
ist die Eskalation des Widerstands; der Gesetzlosigkeit, der Ruinierung der
Lebensgrundlagen und der Verelendung der Bevölkerung. Was nicht vermeldet,
aber auch kein Geheimnis ist: Diese Bilanz ist das Produkt der militanten Befreiungsstrategie, welche die USA und
ihre NATO-Partner schön arbeitsteilig vorangebracht haben, und nicht von
„Versäumnissen“ oder „Problemen“ bei ihrer
Umsetzung. |
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— Das Leitmotiv der Aufbaustrategie, die Jagd nach
den „Restposten“ des alten Talibanregimes beseitige vollends die Quellen
der antiwestlichen Gewalt, behandelt den Rückhalt, den dieses Regime in der
Bevölkerung großer Landesteile hatte, militärisch
gesehen als irrelevant. Das rächt sich zwangsläufig, da die Gotteskrieger
den Rückhalt zu nutzen wissen, um sich zu reorganisieren. Und wenn der
Tatsache der „paschtunischen Basis“ der Taliban dann politisch Rechnung getragen wird, indem ein passender
Paschtunenhäuptling als neuer Präsident ausgesucht wird, so gilt der schnell
als Marionette der Eroberer - in deren Interesse er schließlich agiert! |
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— Von Kabul aus soll ein neues staatliches Gewaltmonopol
etabliert werden. Es soll die gewünschten Ordnungsdienste leisten, um keinen
Raum mehr zu lassen für fundamentalistische Krieger. Eine regelrechte
Besatzung zur Ausübung flächendeckender militärischer Kontrolle ist nicht
vorgesehen. Solch einen Aufwand halten die Staatsmänner in Washington und
Europa weder für nötig noch für lohnend. Die Stammesführer,
welche die Macht über die verschiedenen (100) Landstriche haben und behalten
wollen, deswegen jetzt Warlords heißen, sollen nicht gewaltsam
entmachtet, sondern eingebunden werden.
Per demokratischer List sollen sie sich in Geburtshelfer einer
zentralisierten Herrschaft verwandeln und sich dergestalt selbst entmachten.
Die Rechnung geht nicht auf. Wie auch, wenn sich ihre Interessen und die der
Kabuler Zentrale ausschließen. Zwar lassen sich die rivalisierenden
Stammesführer durchaus zur Teilhabe bestechen - sie nehmen das Angebot wahr, im Parlament oder sogar in
der Regierung ihre „Volksgruppen“ zu vertreten. Den geforderten Dienst aber, die eigenen
Machtambitionen zugunsten der Anerkennung des von Karsais Auftraggebern definierten
Staatswillens aufzugeben, bleiben sie schuldig. Stattdessen nutzen sie alle
politischen Gelegenheiten, Einfluss und Mittel zu gewinnen, um ihre lokale Herrschaft zu stärken. Und wenn
ihnen deswegen ökonomische Aufbaugelder der ‚Internationalen Gemeinschaft‘
vorenthalten werden, da sie bei den einbestellten NGOs besser aufgehoben erscheinen,
stützen sie sich weiterhin und erst recht auf ihre stammeseigene bzw.
ethnische Hausmacht - und schrecken
auch vor Bündnissen mit traditionellen Rivalen nicht zurück, wenn die NATO /
ISAF-Teams sie auf ihrem Terrain nicht mehr in Frieden lassen. |
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— Eine nationale Armee und Polizei sollen
aufgebaut werden, deren wesentlicher Auftrag lautet, die Widersacher einer
US-/NATO-Ordnung künftig autonom zu vernichten. Als Instrumente kommen Panzer
und Kalaschnikows aus sowjetischen Beständen zu neuen Ehren sowie ein Budget,
welches regelmäßigen Sold für die aus dem Elendsheer der Bauern Rekrutierten
nicht hergibt. Das fördert nicht gerade die Kampfmoral, wohl aber die
Bereitschaft, im Zweifel der tradierten Loyalität zu den
Stammesführern den Vorrang zu geben und so die Position der Warlords
zu stärken, gegen welche sie eigentlich antreten sollen. Zumal wenn diese
besser zahlen, da die Einnahmen aus dem Drogengeschäft florieren. |
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Schön auch die daraus folgende aktuelle Drangsal: Um die
Effizienz der afghanischen Hilfstruppen zu steigern, wollen die Amerikaner
modernes Kriegsgerät liefern. Und schon vorweg existiert „im Pentagon die berechtigte Sorge, dass im Falle einer weiter in der
Truppe vorhandenen Loyalität gegenüber der Karsai-Regierung die Gefahr
besteht, dass mit den modernen Waffen am Ende die Gegner des neuen Afghanistan
ausgerüstet werden“. (M. Clasen, „Wie der Westen die neue Freiheit
Afghanistans (nicht) verspielt“, Expertise für das afghanische
Wirtschaftsministerium, 24. Juli 2006) Und wenn der Paschtune Karsai
inzwischen Kriegsherren der ehemaligen „Nordallianz“, welche traditionelle
Feinde der paschtunischen Stämme des Südens sind, mit den obersten
Sicherheitsämtern in Kabul betraut, weil er „keine Hausmacht mehr“ hat, steht
für Washington seine Absetzung wegen Unfähigkeit und Korruption an — wenn es
denn einen passenden Nachfolger gäbe! |
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— Dem Land wird parallel zur „Demokratisierung“ eine Marktwirtschaft
verordnet, von der die Leute und die neue staatliche Gewalt, der sie dienen
sollen, wenn nicht jetzt, so doch in Zukunft leben können sollen. Importierte
Berater geben Nachhilfeunterricht und empfehlen dem darbenden Bauernvolk den
Anbau von Nüssen statt Opium. Tatsächlich blüht die einzige
Reichtumsquelle, die der afghanische Boden dem Weltmarkt zu bieten hat: der
Mohn, der einige Leute reich und viele Arme glücklich macht. Die Ware ist als gesundheitsschädlich
verboten und ihre Vermarktung stört Bush & Co. um so mehr, als sich die
(101) Warlords mit ihrem lukrativen Schmuggel die Pfründe sichern und ihre
kriegerische Macht vergrößern. Schon wieder ein echtes Dilemma für die
Anwälte einer stabilen Nach-Taliban-Ordnung. Das einzig real existierende
Bereicherungsmittel — Afghanistan bedient inzwischen 90 % dieses schwarzen
Weltmarkts — zu dulden, um den brüchigen Frieden mit den Stammesclans nicht
zu gefährden, baut die Feinde der Kabuler Zentralgewalt geradezu auf. Eine
Vernichtung der Opiumfelder wiederum, deren programmatische Dringlichkeit
parallel zu ihrer Ausdehnung beteuert wird, macht aus jenen Kriegsherren, die
bislang nicht selten die Camps der Provincial Recovery Teams (PRT) der NATO
und die NGOs beschützen, entschiedene Feinde und damit potenzielle
Bündnispartner für die Taliban, die sich inzwischen die Einnahmen aus dem
Drogenschmuggel friedlich mit den Clanchefs teilen. Und sie macht aus dem
Elend der abhängigen Kleinbauern eine Nachschubbasis für den Dschihad. |
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— Die Taliban haben ein Rückzugsgebiet und
ihnen wohlgesonnene Stämme jenseits der östlichen Grenze, auf dem Boden
Pakistans. Ihre Bekämpfung dort soll die pakistanische Regierung
leisten, schließlich ist Präsident Musharraf für den Präsidenten Bush „ein
Freund“. Zu einem solchen geworden ist er nach eigenem Bekunden, da die
US-Regierung ihn 2001 dazu erpresst hat, die Seite zu wechseln, andernfalls
sein Land „in die Steinzeit zurückgebombt“ werde. Seitdem tut der General,
früher Militärdiktator genannt, was er kann, ohne einen regelrechten
Eroberungskrieg im eigenen Land führen zu müssen und damit einen allgemeinen
Aufstand der muslimischen Massen herbeizuführen. Das reicht jedoch nicht, um
den Taliban samt al-Kaida-Kriegern ihre Exil-Herberge zu nehmen, allerdings
schon dafür, dass diese einige Zehntausend Kämpfer aus den Provinzen
Waziristans gegen den gottlosen US-Imperialismus und seine Lakaien, also auch
für die Rückeroberung Afghanistans gewinnen. Die Taliban-Kämpfer sickern
folglich immer zahlreicher über die Ostgrenze ein - und sie finden immer mehr
traditionelle Machthaber und Leute vor, die bereit sind, ihnen Schutz und
Unterstützung gegen die Besatzer zu gewähren, deren Aufbauwerk immer mehr auf
seinen kriegerisch-destruktiven Kern zurückkommt. |
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Denn der wachsende Widerstand und das Chaos, welches die
Mixtur aus Krieg und ‚Nation Building‘ im Lande anrichtet, schaffen einen
regelrechten Sachzwang zur gewaltsamen Offensive für die imperialistischen
Zivilisationsbringer, welche den zentralasiatischen Staat längst als ihre
strategische und logistische Bastion verbucht haben - also zu systematischen
Kriegsaktionen gegen die sich reformierenden Koranschüler, renitente Warlords
und deren zivile Bevölkerungs-Basis. Deren Terrorisierung ist schließlich
unvermeidlich, da sie doch von den Gotteskriegern „als Schutzschild benutzt
wird“, sprich: ausgerechnet dort haust, wo die Taliban oder andere
Widersacher der US-/NATO-Ordnung sitzen. (102) |
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II. Wie die NATO-Mitglieder ihr Kriegsbündnis miteinander und gegeneinander benutzen |
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Die amerikanische Weltmacht und ihre europäischen
Konkurrenten beauftragen die NATO, den Erfolg der Mission in Afghanistan
sicherzustellen. Mit dieser Ermächtigung übernimmt die transatlantische
Kriegsallianz den ersten veritablen außereuropäischen Einsatz zur
Friedensschaffung und folglich die erste Bewährungsprobe für ihren neuen
Status als weltweit agierende Kampfmaschine gegen Störenfriede, die sich den Weltordnungsimperativen
aus Washington und Brüssel nicht unterwerfen. Das Bündnis ist damit
ab sofort haftbar für das Gelingen oder Scheitern des Gesamtprojekts. Auch
darin besteht Konsens. |
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Zugleich betrachtet — mit Ausnahme Amerikas — keine
Nation, die den NATO-Einsatz in Afghanistan gutheißt, die Front am
Hindukusch als ihren Krieg, dem sie
sich vorbehaltlos verschreibt und alle nötigen Mittel opfert. |
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Damit ist ein handfester Widerspruch etabliert,
dessen Verlaufsformen am gemeinsamen Kriegsschauplatz zu beobachten sind,
dessen praktische Auflösung aber noch aussteht. Weil all die NATO-Partner am
Hindukusch ihre Freiheit — und
damit auch und gerade ihre Weltordnungsrechte gegeneinander — verteidigen, eskaliert an und mit diesem Fall neuerlich die Machtfrage zwischen ihnen. |
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1. Die
NATO übernimmt die Aufsicht in und über Afghanistan |
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Die Antwort auf die prekäre ‚Lage‘ welche die
Stabilisierungsbemühungen nach dem Regimewechsel in Afghanistan
hervorgebracht haben, ist die Intensivierung und Ausweitung der
Kampffronten und des Mitteleinsatzes der involvierten
Ordnungsmächte. Die von der UNO mandatierte und von der NATO organisierte
International Security Assistance Force (ISAF) wird auch im Süden und Osten
des Landes und damit flächendeckend aktiv. Ein Teil der US-Truppen, die
bislang unter dem Titel „Enduring Freedom“ die Taliban jagten, wird förmlich
integriert und dem britischen Oberkommandierenden unterstellt. Die
ursprünglich nur für die Friedenssicherung in der Hauptstadt und den Schutz
unseres Präsidenten aufgebotene NATO ist inzwischen mit 32 000 Soldaten,
davon 12 000 Amerikanern unterwegs. Ihr aktueller Auftrag: die Kontrolle des
ganzen Landes und, darin eingeschlossen, die Veranstaltung aller nötigen
Kriegsoffensiven, um den wachsenden Widerstand im Lande zu ersticken, der
sämtliche ‚Nation-Building‘-Initiativen zunichte macht oder zu machen droht.
Es soll Schluss gemacht werden mit — so die selbstkritische Diagnose — zu
viel Zurückhaltung beim Kampf gegen die Taliban, die diese Zurückhaltung
genutzt haben, um heimlich ganze Provinzen zurückzuerobern, und mit zu viel
Toleranz gegenüber den unverbesserlichen Warlords. Die Lehre aus der 5 Jahre
lang praktizierten Doppelstrategie von Umwälzung und berechnender Instrumentalisierung
der existierenden Machtverhältnisse lautet ab sofort: Ohne die unanfechtbare
Gültigkeit eines von den Besatzungsmächten ausgehenden Gewaltmonopols ist
alles nichts; keine Schule ist sicher; keine Straßenverbindung ist haltbar;
keine Wahlen sind nützlich im Sinne des Erfinders — wenn nicht die Gewaltfrage entschieden wird. Was
damit praktisch angesagt ist, das ist ein verallgemeinerter Krieg gegen
widerständige Regionen und alle sonstigen Bastionen und Zufluchtsorte von
Taliban- und anderen Terroristen — und gegen die Bevölkerung, die unter
strategischem Gesichtspunkt betrachtet „den Feind (103) schützt“. Die „Kollateralschäden“
unter den Zivilisten nehmen also ihren unvermeidlichen Aufschwung. |
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Sie werden vom NATO-Chef
pflichtschuldigst bedauert, aber auch für gerecht erklärt, indem die
produzierten zivilen Opfer — wie üblich — dem Feind angelastet und als Mittel
gewürdigt werden, die durch den guten Zweck — die Demokratie — geheiligt
sind: „‚Die Mädchen sind nicht zur
Schule gegangen, als die Taliban Afghanistan beherrschten. Jetzt gehen sie
zur Schule ... Jetzt gibt es eine
Regierung. Zivile Opfer sind eine Tragödie, aber wir sind dort zum Wohle der
Demokratie, und sie sind da, um unsere Werte zu Zerstören,‘ sagte de Hoop
Scheffer.“ (Veröffentlichung der US-Regierung, 27.10.06) |
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Was die Staatsmänner diesseits und jenseits des Atlantik
wesentlich mehr beschäftigt, das sind die bündnis-
und weltpolitischen Veränderungen, welche die - den Drangsalen vor Ort
geschuldete - Ausweitung der NATO-Mission, gewollt oder ungewollt, mit sich
bringt. Der neue Auftrag bedeutet ja immerhin, dass die NATO, deren Einsatz bis neulich vor allem als europäisch-friedensimperialistisch
motivierte Stabilisierungs- und Aufbautruppe definiert war, nachdrücklich
geschieden von den antiterroristisch aktiven Kriegskommandos der US-Armee, zu
dem insgesamt zuständigen, auch für
die militärische Durchsetzung gegen Taliban und al Kaida verantwortlichen Subjekt befördert wird. Die alte
„Arbeitsteilung“ zwischen den USA und Briten einerseits, den Europäern
andererseits ist aufgehoben. Die NATO ist damit — etwas verspätet,
erstmals, zumindest für den Fall der Etappe Afghanistan — zum Instrument des Antiterrorkriegs geworden,
eines Kriegs, den die Weltmacht USA für die Durchsetzung einer
gleichgeschalteten Staatenwelt initiiert hat und nach ihren Vor- und
Maßgaben (an)führt. Die „Verschmelzung“ von US-Mission und
Bündniszweck ist institutionalisiert in Gestalt eines gemeinsamen
NATO-Kommandos, dessen Chef ein Brite und dessen Stellvertreter ein Ami ist.
Wenn der NATO-Generalsekretär diese „Integration“ stolz als Beweis für die
„gewachsene Bedeutung und große Verantwortung“ der Bündnisorganisation
würdigt, dann stellt er zugleich den neuen Bewährungs-Maßstab klar: Das
Kriegsbündnis muss seinem eigentlichen Anspruch als unwiderstehliche
Militärmacht gerecht werden, die sich nicht von Gleich zu Gleich mit
irgendwelchen Kriegsparteien misst, sondern über aller Gewalt-Konkurrenz
stehend jederzeit fähig ist, diese zu entscheiden und aus Feindstaaten
zuverlässige Vasallen zu machen. Das ist der engere militärische Gehalt der
diplomatischen Formel, wonach ab sofort die „Glaubwürdigkeit“ der NATO auf
dem Spiel steht und ein Scheitern in Afghanistan das Ende der NATO bedeuten
könnte. Eine Feststellung, die als ernste Mahnung und Forderung an die
Mitgliedstaaten dieses Bündnisses gemeint ist. Denn es ist - offenbar -
gar nicht selbstverständlich, dass sich die Partner den gemeinsamen,
jedenfalls gemeinsam erteilten Auftrag so zu Herzen nehmen, dass sie sich ihm
ohne Vorbehalte verschreiben. |
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2. Die USA
wollen die NATO als Teil ihres Kriegspotenzials kalkulieren und die
Verbündeten haftbar machen für Erfolg und Misserfolg ihrer Kriege |
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Die Amerikaner haben ein Ziel erreicht, das sie bereits
seit Jahren verfolgen: |
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die Verschmelzung beider Abteilungen des imperialistischen
Staatsgründungsprojekts Afghanistan und damit die definitive Einspannung der
NATO in ihr (104) Kriegsprogramm -
dass es andersherum wäre, auf die Idee kommt bei der Allianzvormacht sowieso
keiner! Was sie bislang bekommen hatten, das reichte ihnen nämlich überhaupt
nicht: Zwar ist es ihnen nicht schwergefallen, die europäischen NATO-Partner
zu - keineswegs selbstlosen - Beweisen ihrer politischen Solidarität nach
dem 11.9. zu bewegen; immerhin sorgen sie seit der kriegerischen Entmachtung
der Talibanregierung für die Beaufsichtigung des Nachkriegsfriedens in der
Hauptstadt, den Personenschutz für die Vasallenregierung und eine gewisse
Präsenz im talibanfreien Gelände. Dabei aber war die politische und
räumliche Distanzierung dieser „friedlichen Aufbaudienste“ von der blutigen
Abteilung, d.h. dem fortgesetzten Luft- und Bodenkrieg der Amerikaner, die
bleibende Geschäftsbedingung. Damit ist nun Schluss. Die Übernahme der
landesweiten Zuständigkeit in Sachen Friedenssicherung involviert jetzt, da
sich der faktische Kriegszustand auf immer mehr Landesteile erstreckt, die
NATO automatisch in direkte Kämpfe mit dem Feind. Die wachsenden Schwierigkeiten mit den Taliban und
Warlords werden so zur Gelegenheit, die
zaudernden Partner in die Rolle hineinzuzwingen, die der amerikanischen
Lesart von Bündnistreue entspricht. |
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Sinn und Zweck der Aufwertung der NATO-Rolle sind für die
Regierung in Washington keine Frage: Die USA wollen möglichst viele Lasten, die sich im Gefolge (nicht nur) dieser Etappe ihres
Weltordnungskrieges ergeben, delegieren — an zuverlässige und potente Verbündete, welche ihnen die NATO
gefälligst zu liefern hat. Sie wollen Lasten loswerden, nicht nur
finanzielle und politische Entwicklungshilfen, sondern auch militärischen
Aufwand fürs Abräumen der nicht aufgebenden Gegner, wofür
Ex-Verteidigungsminister Rumsfeld mal locker ein Jahrzehnt veranschlagt. Zur Entlastung der eigenen Truppen, die
schließlich für die Entscheidung der Machtfrage im Irak und die laufenden Programme
zur Entmachtung anderer Schurken-Regimes zur Verfügung stehen müssen. Die
Amerikaner ziehen also aus den destruktiven Wirkungen ihrer abschreckenden
Gewalt den doppelten Schluss, dass dann eben mehr Kriegsgewalt nötig ist, um
das Endziel zu erreichen; und sie machen aus den Rückschlägen bei der
Durchsetzung einer garantiert US-loyalen Gewaltordnung einen Hebel zur
verstärkten Inanspruchnahme der Verbündeten. Dafür unterstellen die Amerikaner erstmalig den Großteil ihrer
vor Ort kämpfenden Truppen einem NATO-Oberbefehlshaber, der kein Ami ist. Für
die Regierung der Weltmacht ist sonnenklar: Die NATO steht ab sofort für ihr Ziel ein und sie behält sich alle Freiheiten der Kriegführung und all die
selbstverständlichen Sonderrechte und -kompetenzen vor. Das tut sie u.a.,
indem sie 8000 Mann unter ihrem exklusiven Befehl belässt und den Stützpunkt
Bagram, die Gefängnisse und die Folterzentren unter ihrer ungeteilten
Verfügungsgewalt hält. Auch die völkerrechtlich delikate Aufgabe des
grenzüberschreitenden Kriegs, mit welchem der pakistanischen Regierung
vorexerziert wird, was ihre souveräne
Pflicht wäre, wollen die Amerikaner nicht von etwaigen Skrupeln oder
Mitbestimmungsflausen profilierungssüchtiger Verbündeter abhängig machen. |
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Die amerikanische
Solidaritäts-Doktrin, derzufolge zunehmende Schwierigkeiten bei der
Feindbekämpfung die vermehrte Übernahme von Kriegslasten durch die Verbündeten erfordern, trifft auch den
pakistanischen Freund. Pakistans „doppelzüngige Politik“ soll nicht mehr
geduldet werden. Also bombt man Koranschulen bzw. terroristische
Trainingscamps in den Provinzen Waziristans — auf die sich Pakistans Zentralgewalt
nie erstreckt hat — schon mal selber zusammen; und wenn die Regierung
Musharraf solch „eine Verletzung der Souveränität Pakistans“ nicht
akzeptieren will, soll sie, wie jüngst geschehen, eben beteuern, dass es sich
um eine Aktion der eigenen Streitkräfte handelte — bzw., noch besser, solche
Aktionen in Zukunft eben gleich selber durchführen. |
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Ein „war on com (105) mittee“ wie im Balkankrieg, der das
Entscheidungsmonopol der USA über die nötigen Kriegsziele und die Art, sie zu
verfolgen, antastet, ist also nicht beabsichtigt; das amerikanische
Kriegsmonopol soll vielmehr geltend gemacht und bekräftigt werden: durch eine
neue Arbeitsteilung, die sich ganz nach den Interessen der USA richtet und
die darauf zielt, dass die NATO alle gewünschten Hilfsdienste effizient
abliefert. |
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In diesem Sinne stellt sich Amerika ganz hinter die NATO.
Zugeständnisse der europäischen Verbündeten werden zum Argument, noch mehr
Linientreue einzufordern. Das Motto: Wenn die NATO sich nun endlich den
Auftrag der Befriedung Afghanistans zueigen gemacht hat, hat sie doch wohl ab
jetzt die bedingungslose Unterstützung durch alle Mitglieder verdient!
Diejenigen, die sich immer noch zieren, haben zu kapieren, dass sie auf
entsprechende Anforderungen der NATO zusätzliche Truppen bereitzustellen
haben, die „ihren Job machen“. Auch die Einsatzrestriktionen für ihre
nationalen Kontingente müssen endlich fallen, da sie eindeutig die von
Amerika geführte gemeinsame Mission gefährden. Und überhaupt wird die
erfolgreiche Dienstverpflichtung der NATO im Fall Afghanistan von den
Amerikanern als eine hervorragende Gelegenheit wahrgenommen. Sie starten
eine neuerliche diplomatische Offensive, um die fallweise übernommene
Funktion gleich in einen grundsätzlichen Status
der NATO — als dauerhafte Koalition williger Helfershelfer für Amerikas
Antiterrorkrieg — zu verwandeln und diesen zur gültigen NATO-Doktrin zu machen. |
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Das ist die Botschaft des
Glückwunsches. den Präsident Bush dem NATO-Generalsekretär wegen der
gelungenen Transformation des Bündnisses ausspricht: „Die NATO ist eine auf Werte gegründete Organisation geworden, die
mit den Vereinigten Staaten auf drei Kontinenten arbeitet, um Radikale und
Extremisten zu besiegen‘, sagte Präsident Bush dem NATO-Generalsekretär am
27. Oktober im Weißen Haus. ‚Sie haben die NATO zu einer werteorientierten
Organisation gemacht, die fähig ist, die wahren Herausforderungen des 21.
Jahrhunderts zu bewältigen.“ (US-Regierung, 27.10.06) |
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Dementsprechend und dafür wird auch der drohende Imperativ
erneuert, dass die europäischen Verbündeten endlich den gemeinsamen
Aufrüstungsbedarf ernst zu nehmen und ihren Verteidigungshaushalt
aufzustocken haben. Sonst stehen sie in den kommenden Fällen, für die Amerika
sie zu brauchen gedenkt, schon wegen ihrer inkompatiblen
Kriegsführungsfähigkeiten im Abseits, aus dem sie doch herauszukommen
trachten. Oder etwa nicht? (106) |
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III. Wie Imperialisten der zweiten Garnitur in einen Krieg „hineinschlittern“: |
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Die europäischen Verbündeten wollen mittels der
NATO, deren Führungsmacht Amerika ist, autonome Beiträge zur Kriegsagenda der
USA liefern, um nicht deren Opfer zu werden. Jetzt
werden sie von Amerika in Haftung genommen, um eine Niederlage der NATO
abzuwenden, die auch ihre eigene wäre. |
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Die europäischen Staaten sind seit langem als NATO mit
ISAF-Mandat in Afghanistan präsent, z.T., wie Italien und Spanien, neuerlich
dort verstärkt tätig auch zwecks bündnispolitischer Kompensation ihres Abzugs
aus dem Irak. Sie haben der Erweiterung des NATO-Einsatzauftrags und zuletzt
auch der Verschmelzung mit den Krieg führenden US-Truppen zugestimmt, die
einige von ihnen, allen voran die Deutschen und Franzosen, vorher hartnäckig
abgelehnt haben. Das bedeutet aber keineswegs, dass sie damit ihre
Vorbehalte dagegen fallen lassen, sich in den Krieg der Amerikaner
„hineinziehen“ zu lassen. Es bedeutet vielmehr, dass die NATO-Staaten
des „alten Europa“ jetzt ein großes Problem haben. |
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Denn der Grund, weshalb es die Hauptmächte der
Europäischen Union, die auf mehr weltpolitische Eigenständigkeit aus sind,
nach Afghanistan gezogen hat, war und ist ja nicht zu verwechseln mit einer
Parteinahme für die Zielsetzung des amerikanischen Antiterrorkriegs und erst
recht nicht mit dem Interesse, die eigenen Streitkräfte in die von Amerika
für nötig befundenen Schlachten zu schicken. Sie sehen in der
afghanischen Front vielmehr den Auftakt einer Aufmischung der Staatenwelt,
mit der die einzige Weltmacht das von ihr beanspruchte Weltordnungsmonopol gegen alle Widerstände durchsetzen will — und
damit eine Bedrohung ihrer eigenen Ansprüche. Ihr
Solidaritäts-Angebot an die USA, sprich: der politische Wille, sich an der Zerstörung
der alten und der Einrichtung einer neuen Herrschaftsordnung in Zentralasien
zu beteiligen, verfolgt dementsprechend das sehr prinzipielle, pur
weltherrschaftliche Interesse, sich in die von den USA in Angriff genommene
Umwälzung der globalen Gewaltordnung — nicht als betroffene Opfer oder als
amerikanische Hilfsassistenten, sondern als deren Mit-Subjekt — einzuschalten.
Der Kriegsschauplatz Afghanistan fungiert als Anlass und Gelegenheit,
dieses Recht exemplarisch zu demonstrieren
und auf diese Weise grundsätzlich einzufordern. |
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Die Widersprüche dieses berechnend-kooperativen
Imperialismus der Einmischung — durch Beiträge, die keine Unterordnung sein
sollen — haben zuerst zu dem Paradox geführt, dass Deutschland und andere US-Verbündete
Soldaten nach Afghanistan schicken,
aber nicht mit dem Auftrag, Feinde zu
bekämpfen, sondern einen friedlichen
Neuaufbau zu sichern, wenn nicht selbst die Rolle von Entwicklungshelfern zu
spielen. Dass derweil der Feind noch sehr aktiv ist und traditionelle
Clanfürsten ihre Besitzstände konsolidieren, soll nicht weiter stören. Weil
es um die Untermauerung autonomer
Machtansprüche geht, ist die Abgrenzung
der eigenen Mission von der amerikanischen entscheidend. Daher rührt das Bestreben in Berlin,
Rom und Madrid, die eigenen Beiträge einerseits so zu gestalten, dass an
ihrer praktischen Relevanz kein Zweifel aufkommen kann, sie andererseits in
möglichst risikominimierten Szenarien und in räumlicher wie diplomatischer Distanz zu den kontinuierlichen
Vernichtungsaktionen der amerikanischen Truppen abzuwickeln. ‚Feigheit
vor dem Feind‘ ist also (107) nicht der Sachverhalt, sondern die
Form, in der klargestellt wird, dass die Umtriebe der genuin-europäisch
inspirierten NATO-ISAF-PRTs auf keinen Fall zu verwechseln sind mit einem
Vasallendienst für den amerikanischen Kriegsherren, dessen Bombardements die
materielle Grundlage für die großartigen Zivildienste der europäischen
Mannschaften legen - und vollkommen gebilligt sind. |
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Die berechnende Betonung des völkerfreundlichzivilen Charakters der eigenen Besatzungsmotive und die so fingierte Differenz zu den kriegswütigen Amerikanern hat zwangsläufig ihre lächerliche Seite. Der hervorgekehrte Stolz auf die eigenen Aufbauleistungen im kriegszerstörten Armenhaus Afghanistan, der sogar noch die relative Ruhe, die deutsche PRTs den Warlords lässt, als Leistung der volksfreundlichen Methode deutscher Soldaten verbucht, behauptet allen Ernstes die Überlegenheit deutscher Ordnungsstiftung gegenüber der des Großen Bruders, ohne dessen Zuschlagen es sie gar nicht gäbe — wenn man sich nicht gar dazu versteigt, die Schwierigkeiten und Feindseligkeiten, die den deutschen Friedensbringern entgegentreten, den unsensibel-konfrontativen Methoden der Amerikaner anzulasten, welche die Bevölkerung unnötigerweise gegen die schwarz-rot-goldenen Entwicklungshelfer aufbringen! |
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Die gleichzeitig unter US-Kommando Terroristen jagende deutsche Eliteeinheit namens KSK - welche die Amerikaner gebrauchen können und die Deutschen ihnen als Beweis ihrer unverbrüchlichen Bündnistreue zur Verfügung gestellt haben - verbleibt aus demselben Grund verständlicherweise im Bereich der „offiziellen Geheimhaltung“. Die Bekanntmachung, dass deutsche GIs selbstverständlich dasselbe machen wie amerikanische, also wirkliche oder vermeintliche Terroristen erschießen, im Camp Bagram Wache schieben und deutsche Terrorverdächtige drangsalieren, stört schließlich nicht nur das moralische Bild von unserer ehrenwerten Truppe; sie stört auch die diplomatisch-sicherheitspolitische Abgrenzung gegen den übermächtigen „Hegemon“ mit welcher Deutschland, Frankreich u.a. tatsächlich um globalen Einfluss und Machtzuwachs - beim Rest der Welt und auf Kosten der Bündnisvormacht - konkurrieren. |
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Inzwischen hat die ‚Lage‘, welche die Kombination aus
amerikanischem Krieg, NATO - Stabilisierungsstrategie und gegnerischem
Widerstand hervorgebracht hat, die Voraussetzungen der europäischen
Kalkulation hinfällig gemacht. Die EU-Nationen, die wie
Deutschland auf die Mobilisierung von mehr euro-imperialer Konkurrenzmacht
setzen, können sich der US-Diagnose nicht verschließen, dass die Kontrolle
über das Land, auch die schon erreichte und auch die über den „ruhigen
Norden“, gefährdet ist. Und sie sehen sich prompt mit dem Imperativ
Amerikas konfrontiert, |
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jetzt
endgültig Farbe zu bekennen und die Lasten
des Krieges zu übernehmen – |
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oder |
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die Solidarität
zu verweigern und damit das Bündnis zu ruinieren. |
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Da Letzteres nicht sein darf - die Allianz soll Basis und
Instrument der Durchsetzung eigener weltherrschaftlicher Ambitionen sein und
bleiben -‚ stimmen sie zu. Genauer gesagt: Sie stimmen der Ausweitung der
NATO-Mission in den Süden zu, wohl wissend, dass damit die Militarisierung
des Einsatzes verbunden ist. Einerseits. Andererseits eröffnen sie gleich
wieder eine neue Runde des Ringens um die Abgrenzung ihres „Auftrags“ gegen das Ansinnen, sich de facto, wenn auch
unter NATO-ISAF-Flagge in einen Teil der amerikanischen
Antitaliban-Kriegskoalition zu verwandeln.(108) |
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Ihr Einverständnis erteilen sie nämlich unter der
instrumentell-hintersinnigen Prämisse, dass die „arbeitsteilige“ Abwicklung,
die sie bislang favorisiert haben, auch bei einer süderweiterten
Zuständigkeit der NATO „im Prinzip“ aufrecht zu erhalten ist. Ihre
Verteidigungsminister gehen davon aus, dass es weiterhin die Amerikaner und
ihre special friends, die Kanadier und die eigens für den Südeinsatz
aufgestockten Briten sind, welche die Schlacht mit dem Feind schlagen,
während man selbst — zumindest mit „Priorität“ — die „von allen anerkannten
Erfolge“ im Norden mutig zu verteidigen sucht. Und wenn der NATOOberkommandierende
angesichts der Gegenoffensiven der Taliban dringend Verstärkung und
„Flexibilität“ verlangt, erkennen die angesprochenen „Drückeberger“ abermals
die Notwendigkeit einer Eskalation der Kriegführung und damit die
Unhaltbarkeit ihres Standpunkts an, welchen sie gleichwohl immer noch zu
retten suchen. Und zwar ausgerechnet dadurch, dass sie auf dem September-Gipfel
der NATO der sofortigen Ausdehnung der NATO-Zuständigkeit auch auf
Ostafghanistan (also auf die Grenzregion zu Pakistan) zustimmen und den
Einbau amerikanischer Kampfeinheiten gutheißen. Nach ihrer Lesart des Beschlusses ist die Zuordnung von 12 000 amerikanischen Soldaten zur NATO die
passende Bedienung der Nachfrage
von NATO-Chef de Hoop Scheffer und damit ein gutes Argument, ihm das von
ihnen Verlangte zu verweigern! Die Ami-Truppen stehen dem NATO-Kommando
„flexibel“ zur Verfügung, allzeit bereit, in jedem Winkel des Landes
zuzuschlagen, dann können die deutsch-italienisch-spanischen Truppen — dies
die Vision ihrer Verteidigungsminister — sich ja weiter auf ihre Provinzen
konzentrieren. Mit ihren hartnäckigen Rückzugsgefechten bestehen die
Euro-Verbündeten nach wie vor demonstrativ auf der souveränen Entscheidung
über den Einsatz(zweck) ihrer Soldaten, auch und gerade da, wo sie ein und
denselben Feind bekämpfen. Wie der kaum diplomatisch verbrämte Vorwurf von
Feigheit und Parasitentum — gerade an die deutsche Adresse — zeigt, sehen
die Amerikaner, sekundiert von der echt fightenden EU-Fraktion aus Briten und
Niederländern, die Sache genau andersherum. Sie pochen darauf, dass ihre
europäischen Partner ab sofort auch für die blutige Durchsetzung des
Programms einstehen, das sie
mitverabschiedet haben. |
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So wird „Afghanistan“, die erste und einzige Etappe im Krieg
gegen den Terror, die sich alle NATO-Mitgliedstaaten auf ihre Fahnen
geschrieben haben, in dem Maße, wie der längst verbuchte Sieg nicht mehr
sicher ist, zum Stoff einer existenziellen Bewährungsprobe für die
Kriegsallianz selber. Die Amerikaner wollen —
mittels der NATO — die Lasten ihrer Weltordnungskriege verteilen. Für
NATO-Siege aber, die nur die einzige Weltmacht stärken, wollen die auf
eigenständige Machtentfaltung sinnenden europäischen Partner ihre Soldaten
nicht hergeben. Für drohende Niederlagen schon gleich gar nicht.
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