|
|
Gegenstandpunkt
2-07: |
|
|
|
Vom staatsgefährdenden Klassenkampf |
|
|
|
|
|
|
|
Um den Lohn haben Mitglieder der Klasse, Sie verweigerten - spontan und
punktuell, manchenorts aber auch schon gewerkschaftlich organisiert - ihre
Bereitschaft, zu den Bedingungen weiterzuarbeiten, zu denen man sie in den
Fabriken gegen einen Lohn in Dienst und ihre Arbeitskraft in Anspruch nahm,
weil sie dabei unter die Räder kamen. Sie rotteten sich, immer wieder, gegen
die Macht des Eigentums zusammen, um den Kapitalisten, die ihnen als
Leuteschinder und Ausbeuter vertraut waren und die sie auch so nannten, gewaltsam
elementare Rücksichtnahmen auf ihr Interesse aufzuzwingen: Wollten die
Fabrikherren weiter von ihrer Arbeitskraft Gebrauch machen, hatte dieser
Gebrauch auch seine Schranken zu haben.
Vom Lohn, von
dem sie leben mussten, wollten sie auch leben
können. Mit
diesem Standpunkt führten sie - mehr oder minder entschlossen, mehr oder
minder erfolgreich - einen nie erledigten Kleinkrieg um Lohn und Beschränkungen
bei der Arbeitszeit; gegen Kapitalisten, die für den Lohn, den sie zahlen,
mit größter Selbstverständlichkeit das Recht für sich beanspruchten, die Arbeitskraft
nach ihrem Belieben lange und exzessiv zu benutzen; die bei der Lohnzahlung
umgekehrt lauter Gründe für Abzüge und Zahlungsverweigerung kannten und geltend
machten; für die ihre Arbeiter also offensichtlich nur das menschliche
Material waren, an dessen produktiver Ausbeutung sie sich bereicherten,
und dies umso besser, je rücksichtsloser sie sich auch noch über dessen unmittelbare
Lebensnotwendigkeiten hinwegsetzten. Die also den Lebensunterhalt der Klasse als das behandelten, was
er für sie einzig war: Abzug vom Profit um den
es ihnen ging. |
|
|
|
Diesen Kampf um die
eigene Fortexistenz hatten die Arbeiter allerdings von Anfang an nicht nur
gegen die Fabrikherren zu führen. Sie bekamen es mit der Staatsgewalt zu tun – und in der Weise
die politische Natur des Produktionsverhältnisses
zu spüren, in dem sie für die Rolle gefügiger und beliebig erpressbarer, möglichst
billiger und williger Dienstkräfte einer Kapitalistenklasse vorgesehen waren,
die sich ihrer zum Zwecke der Vermehrung ihres Reichtums bedient. Der
Staat hat durch diejenigen, die die Lohnfrage aufgeworfen haben, unmittelbar sich
herausgefordert gesehen und sich damit zu
seiner Räson bekannt: nämlich
dazu, dass er den Schutz der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung,
in der sich alles darum dreht, dass sich eine Klasse von Eigentümern möglichst
erfolgreich an der Arbeit bereichert, die eine Klasse eigentumsloser Proletarier
verrichtet, als seine oberste Aufgabe und seinen vornehmsten Zweck
begreift. Den von Lohn abhängigen und um Lohn kämpfenden Arbeitern ist der
Staat unmittelbar als Polizeigewalt entgegengetreten, als Obrigkeit, die im
Dienst der Ausbeuter steht, Gewerkschaften verbietet und Arbeiter zu rechtlosen,
diesen Ausbeutern schutzlos ausgelieferten Existenzen verurteilt. |
|
|
|
Der Staat hat die Sache also
viel prinzipieller genommen als diejenigen, die sie angezettelt und um ihr
Überleben im System der Lohnarbeit gekämpft haben. Durch sein Vorgehen hat er
praktisch klargestellt, dass die Lohnfrage an die Systemfrage rührt. In der
Weise belehren lassen hat sich allerdings nur eine Minderheit innerhalb der
Arbeiterbewegung: Kommunisten, die
den Kampf um mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen als den hoffnungslos
widersprüchlichen und daher verkehrten Versuch kritisierten, vom kapitalistischen
System der Ausbeutung dessen Vereinbarkeit mit den Lebensinteressen der Ausgebeuteten
erzwingen zu wollen, und die ihrerseits die Systemfrage aufwarfen. Ihre
Klassenbrüder versuchten sie für die Einsicht zu gewinnen, dass sie ohne die
Abschaffung des Systems des Eigentums, das sie zu dauerhaften Opfern macht,
auf keinen grünen Zweig kommen. An- bzw. durchgekommen sind sie damit
bekanntlich nicht. Man hat sie von Staats wegen verfolgt und fertiggemacht. |
|
|
|
Ein paar Jahrzehnte später und
für ein paar Jahrzehnte - wir befinden uns im Wirtschaftswunderland BRD
mit seiner sozialen Marktwirtschaft - sieht die Sache tatsächlich ganz
anders aus. Es hat den Anschein, als wäre die Lohnfrage in Bahnen gelenkt, in
denen die Arbeiter, die nun Arbeitnehmer heißen, nicht mehr um ihre Existenz
fürchten. und kämpfen müssen. Längst sind sie keine rechtlosen Existenzen
mehr, die hilflos der Willkür ihrer Fabrikherren ausgeliefert sind. Vielmehr
erfreuen sie sich zahlreicher Anwälte ihres Interesses, an die sie
sich jederzeit wenden können, wenn sie Grund zur Unzufriedenheit sehen oder
sich ungerecht behandelt fühlen. |
|
|
|
Im Betrieb steht ihnen ein Betriebsrat zur
Seite in allen Fragen, in denen sie sich von ihrem Arbeitgeber um
ihre berechtigten Ansprüche betrogen oder mit übergebührlichen Arbeits- und
Leistungsanforderungen konfrontiert sehen. Der verhilft ihnen nach Maßgabe
einer Arbeits- und Sozialgesetzgebung, welche die Unternehmer
bei ihrem geschäftlichen Umgang mit dem menschlichen Arbeitsmaterial auf gewisse,
dessen Benutzbarkeit auf Dauer dienliche Rücksichtnahmen verpflichtet, und
soweit es gemäß Betriebsverfassungsgesetz in
seiner Macht liegt, zu ihrem Recht. Selbstverständlich steht ihnen in all
diesen Fällen auch der Weg vors Arbeitsgericht offen.
Sie selber brauchen für ihr jeweiliges Anliegen gar
nicht mehr zu kämpfen. Darum kümmern sich höhere, mit
staatlichen Kompetenzen ausgestattete Instanzen - an die sie damit freilich
auch die Entscheidung darüber abtreten, was aus ihrem Anliegen wird und wie
weit es Recht bekommt. Die Staatsmacht ist so in
jede strittige Grundsatzfrage um Lohn und Leistung von Haus aus mit involviert
und befindet darüber, wie viel Respekt nach dem Willen der Allgemeinheit den
Notwendigkeiten des Lebensunterhalts von Arbeitern im Prinzip wie in Einzelfällen
zu zollen ist. Sie hat sich nämlich eingeklinkt in den Klassengegensatz,
der einmal zu einem Sprengsatz für die Klassengesellschaft zu entarten drohte,
um diesen Gegensatz in
friedliche Bahnen zu lenken. Sie hat ihn verrechtet und in
dem Zuge den Proletariern ihr Interesse ein gutes Stück auch aus der Hand
genommen. |
|
|
|
Die Gewerkschaften sind längst nicht mehr verboten, sondern quasi als Körperschaften
des öffentlichen Rechts mit staatlichem Sozialauftrag anerkannt. Arbeiter
entrichten an sie einen Mitgliedsbeitrag, und die Leistung, die sie dafür von
ihrem Verein bekommen, kann sich sehen lassen: Darum, was ihnen an Lohn
zusteht und um dessen regelmäßiges Mitwachsen mit dem anderen Wachstum müssen
sie sich keine Sorgen mehr machen. In Tarifrunden macht die
Gewerkschaft stellvertretend
für sie da alles Nötige aus, und dem Verhandlungsergebnis
verleiht der Staat mit seiner Autorität auch noch Rechtsverbindlichkeit. Dieser große
Fortschritt einer gesamtgesellschaftlichen Konsensfindung beim Kampf um den
Lohn verdankt sich entscheidenden Lernprozessen, die auf beiden Seiten, beim
bürgerlichen Klassenstaat und bei der Gewerkschaft, stattgefunden haben: Der
Staat entdeckt den Nutzen von Arbeiterassoziationen, die die beim Kampf um
den Lohn unvermeidlich aufgeworfenen Macht- und Erpressungsfragen ordentlich
regelt, erhebt sie deswegen in den Status von gemeinnützigen Organisationen
und stattet sie mit den passenden Rechten und Beschränkungen bis hin zum
Streikrecht und seinen Regulativen aus; damit sie in seinem Sinne
funktionieren. Die Gewerkschaften ihrerseits ziehen aus ihren Erfahrungen
mit dem bürgerlichen Staat dieselbe Lehre andersherum: Wollen sie als Organe
zur Vertretung des Arbeiterinteresses anerkannt und- offiziell zum
Kampf um den Lohn autorisiert sein, haben sie sich alle klassenkämpferischen
Allüren ab- und alle rechtlichen Vorschriften anzugewöhnen, wie sie dem
Interesse der von ihnen Vertretenen dienen dürfen. Im selben Maß, in dem sie
das hinkriegen, dürfen sie tun, was sie sollen, und als autonomer Tarifpartner mit den Unternehmern vereinbaren,
was als gesellschaftliches Lohnniveau im Land verbindlich zu gelten hat. |
|
|
|
Die moderne
Arbeitervertretung macht sich für den höheren Gesichtspunkt der gerechten Verteilung des Reichtums stark, den die Arbeiter schaffen. Sie bemüht zur
Rechtfertigung dessen, was ihr dabei vorschwebt, so interessante Gesichtspunkte
wie den „Gewinn“, den die Arbeit ihren Ausbeutern ermöglicht hat, und
die gestiegene „Produktivität“, mit der sie ausgenutzt wird - um mit
diesen und ähnlichen Verweisen auf den gelaufenen wie zukünftigen Geschäftserfolg des Kapitals die Spielräume` zu benennen, die zur Umverteilung von
Reichtum an die von ihr vertretene Klasse doch vorhanden wären. Gleichsam als
dritte Partei zwischen den Klassen moderiert sie auf diese Art deren Gegensatz, indem sie den Lohn als Verhandlungsstoff ins Spiel
bringt, über den beide Seiten, Kapital und Arbeit, einen Kompromiss zu erzielen haben und bei gutem Willen
auch allemal herbeiführen können. An ihren konstruktiven Bemühungen jedenfalls
- auch wenn sie bisweilen sogar mit Streik „Druck machen“ muss - scheitert im
Land eine einvernehmliche Lösung der Lohnfrage nicht mehr,
so dass zwischen den Klassen Lohngerechtigkeit herrscht: Die eine erhält an Mitteln für ihren Lebensunterhalt
immer das, was die andere mit ihrem Interesse an rentabler Ausbeutung für
vereinbar hält. |
|
|
|
Der
Lohn ist die Geldsumme, von der sich Arbeiter ihren Lebensunterhalt
einzuteilen haben - daran aber, was sie dazu brauchen, nimmt die
Ermittlung der fürs Leben Vieler entscheidenden Größe gar nicht Maß, wenn die
moderne Arbeitervertretung ihren Lohnkampf treibt. |
|
|
|
Wer wegen
Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter in Not gerät, landet im modernen
Deutschland nicht mehr in der Gosse: Er kann zum Arbeits- und Sozialamt gehen, wo
man sich im Rahmen des eingerichteten Sozialversicherungswesens um seine Anliegen kümmert. Auch da zeigt sich der bürgerliche
Staat angesichts seiner langen Tradition lernfähig und zieht einen Schluss
aus dem Umstand, dass die leidige soziale Frage für ihn allemal Ordnungsprobleme
aufwirft. So unverträglich mit dem Lebensunterhalt der arbeitenden Massen
soll der Kapitalismus im Nachkriegsdeutschland keinesfalls sein, dass wieder
haufenweise unbrauchbare Elendsfiguren in den Hausfluren verkommen und die innere
Ordnung -„Weimar!" - vor die Hunde zu gehen droht. Also nimmt der
Staat die Existenzsicherung seiner minderbemittelten Klasse in die Hand und sorgt
für sozialen Frieden, wobei er
auch aus dem - noch ziemlich präsenten - Wirken des Vorgängerstaats (das nationalsozialistische
Deutsche Reich) eine wichtige Lehre ziehen kann: Soviel unmittelbare Zwangsgewalt,
wie der für nötig befand, braucht es zur erfolgreichen sozialen Befriedung einer
kapitalistischen Klassengesellschaft gar nicht. Wo Faschisten in ihrer sozialen
Fürsorge gleich alle Organe der Vertretung von Arbeiterinteressen zerschlugen,
durch staatliche Funktionäre ersetzten und eine große Arbeitsfront` schmiedeten, in der sich sogar Platz für die Existenzsicherung
von kapitalistisch nutzlosen Volksgenossen fand - unter der Devise ,Arbeit und Brot` wurden sie zum Arbeitsdienst abkommandiert -, verstaut
das demokratische Gemeinwesen in Deutschland das als unabänderlich anerkannte
Elend seiner Arbeiter in dem riesigen bürokratischen Apparat seines Sozialstaats.
Es organisiert ein selbstverwaltetes Sozialversicherungswesen, das sich aus
zwangsweise einbehaltenen Teilen des von der Klasse insgesamt verdienten
Lohns finanziert und mit diesen Finanzen die notorisch Minderbemittelten
durch die unausbleiblichen Wechselfälle ihres proletarischen Lebens
manövriert. |
|
|
|
Derart
sinnig gestreckt, gibt der Lohn der arbeitenden Klasse zwar auch keinen zufriedenstellenden
Lebensunterhalt ihrer Mitglieder her, ihnen allen zusammen aber sichert er
insgesamt schon die Subsistenz, so dass die Klasse in ihrer Armut überleben
und auch noch für nachwachsende Generationen nützlicher Armer sorgen kann. |
|
|
|
Die
Elendsgestalten des Proletariats haben daher überhaupt keinen Grund mehr,
sich irgendwie entrechtet` oder sonst wie aus ihrem Gemeinwesen ausgegrenzt
vorzukommen. Die Mitglieder der Klasse verfügen
allesamt über Ansprüche, in bestimmten
Not- und Bedarfsfällen von den Sozialkassen versorgt zu werden,
und dürfen dabei - was deren Dimensionierung betrifft - auch noch von einem besonderen
historischen Glücksfall zehren: Ihr Staat baut sich gerade als Speerspitze
im Kampf gegen den kommunistischen Osten auf, legt daher ausgesprochen Wert
auf den Beweis, dass sich für Arbeiter ein Mitmachen im freiheitlich-demokratisch verfassten System des Kommandos über ihre produktiven
Dienste weit mehr auszahlt als ein Leben im realen Sozialismus. Daher hat beides
zu sein, ein KPD-Verbot auf der einen und eine ausgesprochen
,soziale Marktwirtschaft`
auf der anderen Seite, in der Arme sogar
mit Lohnersatzleistungen
über die Runden kommen können sollen. |
|
|
|
Die Regierung tritt ihrer Arbeiterklasse gegenüber längst nicht mehr
obrigkeitsstaatlich auf. Sie ist demokratisch gewählt, auch vom arbeitenden Teil ihres Volkes, das selbstverständlich
ein Wahlrecht hat. Der Staat schätzt den Nutzen des Prinzips, sich
beim ganzen
Volk über die periodisch abgerufene Entscheidung,
von wem es regiert werden will, dauerhafter politischer Loyalität
wie bereitwilliger Hinnahme der kapitalistischen Geschäftsordnung zu versichern.
Gerade bei der Klasse, auf deren produktive Dienste er scharf ist, bei der
das Dienen aber naturgemäß mit einigen Härten verbunden ist, kommt der Vorteil
dieses demokratischen Verfahrens der Ermächtigung besonders zum Tragen: Auch
bei Leuten, die in Anbetracht ihrer praktischen Lebenserfahrungen notorisch
Unzufriedenheiten mit der politischen Regulierung ihrer Bedürfnisse akkumulieren,
bleibt es beim ehernen Grundsatz, wonach über die gesellschaftlichen - also
auch über ihre eigenen - Lebensverhältnisse herrschaftlich und nach staatlicher Räson verfügt wird; und derselbe Grundsatz weist der unvermeidlichen
proletarischen Dauerunzufriedenheit mit diesen Lebensverhältnissen einen denkbar
konstruktiven Ausweg: die Wahl einer besseren Regierung, und darauf haben auch
Arbeiter ihr gutes Recht! |
|
|
|
|
|
|
|
Das genießen
sie dann in vollen Zügen. Wo Macht grundsätzlich nur im Namen des Volkes ausgeübt wird, wollen die Herrschenden eben nicht nur
ihre hohe moralische Verpflichtung kundtun, einzig und allein den in der
Gesellschaft sich tummelnden Interessen zu Diensten zu sein. Sie stellen
sich auch dem Resultat ihrer anheimelnden Werbung für sich und ihre Regierungskunst,
riskieren es glatt, von der Macht auch wieder abgewählt zu werden, und damit
ihnen das möglichst nicht passiert, sprechen die konkurrierenden Wahlvereine
ihre Wähler entsprechend an: Auch Arbeiter, die „sozial Schwachen“, sollen sich durch die Politik
von Parteien, die hauptberuflich Volksparteien sind, in ihren speziellen Interessen
bedient sehen. Sie sollen sich ihre notorischen Unzufriedenheiten
mit ihrer Lebenslage als Versäumnisse zurechtlegen,
die höheren Orts begangen werden - und mit ihrer Wahlstimme dafür sorgen,
dass der
Staat besser geführt wird. So ist die ,soziale Frage` erfolgreich politisiert, weil komplett in einen Auftrag an gutes Regieren` des Gemeinwesens
und seiner unverrückbaren politischen Agenda übersetzt, und daher bei denen
bestens aufgehoben, die ums Mandat für die Wahrnehmung dieses Auftrags
kämpfen. |
|
|
|
Wer seine Regierung
nachhaltig für unsozial hält, obwohl die christliche Regierungspartei ein „S“
für Soziales im Namen bzw. einen ,Arbeitnehmerflügel` in den eigenen Reihen
hat, kann die Opposition wählen und
seine Unzufriedenheit dort abladen: Da steht eine sozialdemokratische Partei mit dem Versprechen in den Startlöchern, die
Regierungsgeschäfte mit besonderer Rücksicht auf den sozialen Aspekt` zu
erledigen. Zwar hat diese Partei seit ihrer parlamentarischen Karriere mit
dem Verdacht zu kämpfen, wegen ihrer Herkunft aus der Arbeiterbewegung und sonst
wo her aus dem linken Lager stehe sie dem Kapitalismus distanziert bis
ablehnend gegenüber – einigen ihrer Spitzenleute wird ihr Leben lang vorgehalten,
Moskaus „5. Kolonne“ Bonn zu sein. Aber spätestens mit den ersten praktischen
Beweisen, dass sie nicht nur eine ,starke Opposition` ist, sondern auch in
jeder Hinsicht ,regierungsfähig`, erledigt sich der Verdacht und hat die
Arbeiterklasse mit der SPD einen Wahlverein im Dauerangebot, der beides
zugleich kann: das kapitalistische Allgemeinwohl nach allen systembedingten
Notwendigkeiten zu regieren - und daneben gnadenlos
den Schein aufrechtzuerhalten, es ginge der Partei dabei im Grunde nur um
eines, nämlich um das,Wohl der sozial Schwachen`. Dieser Wahlverein kultiviert
geradezu den ,Stallgeruch`, der einzige Hort aller Armen und sich entrechtet
Fühlenden zu sein, präsentiert sich als der geborene Anwalt, Lohnabhängigen
zu ihrem guten Recht` zu verhelfen - und stellt an den Schalthebeln der Macht
dann praktisch unter Beweis, dass dieses Recht am besten mit dem Erfolg der Nation bedient ist, den sie besser herbeizuregieren
versteht als ihre Konkurrenz. So gewöhnt sich die Arbeiterklasse
erfolgreich daran, ihr eigenes Fortkommen mit dem des nationalen
Zwangsverbandes zu identifizieren, in dem sie ihre Dienste tut, kann daher
umgekehrt dessen Erfolge dem eigenen Konto gutschreiben und sich im Gleichschritt
mit denen bestens bedient sehen. |
|
|
|
|
|
|
|
Und noch
einen potenten Anwalt hat der moderne Arbeitsmann an seiner Seite: Die freien Medien kommen auch in Bezug auf seine Belange ihrer demokratischen
Kontrollfunktion nach und machen jede Ungerechtigkeit zum öffentlichen
Skandal. Sei es, dass sie einen für die Gestaltung des betrieblichen Alltags
der Ausbeutung Verantwortlichen bei etwas Unerlaubtem erwischen, sei es, dass
sie den politischen Dienern an der sozialen Gerechtigkeit Pflichtversäumnisse
vorwerfen: Überall sind sie zur Stelle und prangern an, dass irgendwer „da
oben“ zuwenig Respekt vor den Nöten des redlichen kleinen Mannes zeigt. Für
die haben sie nicht nur ein offenes Ohr. Sie wissen auch immer, welche
Stellung sich ihnen gegenüber einzunehmen gehört, und leiten ihr Publikum
beim Durchwursteln durch den Alltag der Klassengesellschaft mit der rechten
geistigen Orientierung an. Auch noch geistig wird Arbeitern ihr Interesse
aus der Hand genommen - mit Artikeln und Kommentaren zur Meinungsbildung über
die Lebensbedingungen im Klassenstaat, die lauter Unterrichtseinheiten für
die Einsicht in deren Unabänderlichkeit, also auch in die praktische Folgenlosigkeit
des eigenen Gemurres über sie sind. Gute Dienste tun da Schulungen in der
praxisbezogenen Anwendung der Technik des Vergleichs. Schon wahr: Ein Honigschlecken
mag das Leben des gewöhnlichen Arbeitsmannes ja nicht sein; aber verglichen
mit Lebensumständen, mit denen er es früher mal, zu tun hatte,
muss er schon auch zugeben, dass er in seiner demokratischen und sozialen
deutschen Heimat im Grunde so schlecht nicht aufgehoben ist: sozial gesichert,
am Wachstum beteiligt und mit seiner Mitgliedschaft in einer Wohlstandsgesellschaft
fast schon unanständig gut bedient |
|
|
|
So
ist der moderne Arbeiter perfekt einsortiert im kapitalistischen Gemeinwesen.
Nirgendwo ist für ihn ein Grund in Sicht, sich für sein Interesse gegen jemanden aufstellen zu müssen, weil er von Anwälten förmlich
umzingelt wird, die für ihn tätig sind
und seine Anliegen betreuen; sogar seine Ausbeuter sind dazu da, ihm zu dienen,
und heißen Arbeitgeber. Kein Zweifel: Der Staat hat den Sprengsatz, den er
sich mit seiner Arbeiterklasse eingerichtet hat, erfolgreich entschärft, die
Klasse hat sich das Kämpfen abgewöhnen lassen. |
|
|
|
Heute
- wir sind im „Zeitalter einer
Globalisierung“ - sieht die Sache wieder ganz anders
aus. Die Lohnfrage ist so aktuell, dass kein Tag vergeht, an dem nicht nach
passenden Antworten auf sie gesucht wird. |
|
|
|
Aktuell ist
sie nicht als Kampf der Arbeiterklasse um die Sicherung ihres Lebensmittels,
sondern als Reformeifer der Kapitalisten,
die um die Perfektionierung ihrer Ausbeutungsbedingungen ringen. Für
den Dienst, den sie ihren Arbeitskräften angedeihen lassen - sie beschäftigen
sie -, verlangen sie mehr Arbeit für weniger Lohn und freie Verfügung über
die Arbeitskraft je nach Betriebsbedarf und unabhängig vom Lebensbedarf der
Lohnabhängigen. Von der Gewerkschaft fordern sie
die Unterschrift unter die Arbeitszeitregelungen und Lohnkürzungen, die sie
ihr diktieren - mit der Drohung, ihren Tarifpartner andernfalls gleich ganz
aus dem Verhandlungs- und Konsensstiftungswesen auszumischen. Einschlägige
Betriebsvereinbarungen, zu denen sie ihre Belegschaften erpresst haben, zeigen,
wie weit sie damit schon gekommen sind. |
|
|
|
Der politische Hüter des
kapitalistischen Gemeinwohls steht dem Kampf seiner Unternehmer bei. Die „sozialen
Errungenschaften'“, mit denen eine
BRD die abgrundtiefe Verträglichkeit des kapitalistischen Ausbeutungswesens
mit dem Lebensunterhalt der Massen unter Beweis stellte, werden heute als ein
einziger Missstand gegeißelt:
Ausgerechnet der rapide Zuwachs an Sozialfällen beweist die Unhaltbarkeit der
bisherigen „Leistungen". Der Ächtung folgt die Tat, und Zug um Zug wird
als untragbare Belastung` abgewickelt, woran sich Arbeiter ein halbes Jahrhundert
lang als einigermaßen gesicherte Grundlagen ihrer Existenz haben gewöhnen dürfen.
In den rechtlosen
Zustand, in dem sie einst waren, zurückversetzt werden sie dabei keinesfalls.
Der Sozialstaat behält sie fest im Griff - und
bringt einfach alle sozialrechtlichen Instrumentarien, die einmal zur Befriedung
der Klasse gut waren und getaugt haben, als Hebel zur Beschneidung ihres Lebensunterhalts
in Anschlag. Der Friede, den die Klasse gibt, ist dabei unterstellt und wird
eingefordert. |
|
|
|
Das. Ganze wird von einer
öffentlichen Gesinnungspflege begleitet, die gleichfalls kämpft: gegen
den Irrglauben, ein Lohn, den man
fürs Arbeiten erhält, hätte für den Lebensunterhalt zu reichen - und für
die Einsicht, dass es sich ab
sofort genau umgekehrt zu verhalten hat: Überhaupt gegen ein geregeltes Entgelt an einem Arbeitsplatz' antreten zu können - ist
für Lohnabhängige eine Gnade, überhaupt
benutzt und erfolgreich ausgebeutet zu werden, ist der erste Nutzen, den sie sich für sich ausrechnen dürfen. Weitergehende
Ansprüche haben sie nicht zu stellen, schon gleich steht ihnen nicht zu, gegen
irgendetwas Widerstand zu leisten,
womit sie drangsaliert werden. Wenn Staat und Kapitalisten ihnen
vorbuchstabieren, wie und wo an dem Mittel ihres Lebensunterhalts zu sparen
ist, wird ihnen nur dieselbe Alternative
geboten, mit der ihresgleichen einst ins Elend gezwungen wurden: Einen zu
finden, der sie ausbeutet, zu welchem Preis auch immer. |
|
|
|
Die Unvereinbarkeit von kapitalistischem Wachstumserfolg mit dem Lebensunterhalt
seiner Produzenten, wegen der Arbeiter sich einmal aufgestellt haben, ist
heute offiziell erklärtes und praktisch wahrgemachtes Programm. |
|
|
|
Und was
macht die malträtierte Klasse? |
|
|
|
Selbst schuld?
|
|
Gegenstandpunkt 2-07