Nach Zugeständnissen der IG Metall am 27.09.2005 baut Volkswagen den neuen Golf-Geländewagen "Marrakesch" in Wolfsburg. Die mit den Arbeitnehmervertretern erzielte Vereinbarung ermöglicht die von VW angestrebte Kosteneinsparung von 850 Euro pro Fahrzeug.
Die Zugeständnisse:
1. Weniger verdienen:
Die 1000 Leute, die den Marrakesch bauen, werden nicht nach dem Haustarif, sondern nach dem Tarif Auto 5000 bezahlt. Nach Angaben der Gewerkschaft verdient ein Beschäftigter bei Auto 5000 bei 35 Wochenstunden 2556 Euro im Monat.
Bei vergleichbarer Tätigkeit erhält ein Arbeiter nach dem bisherigen Haustarif 2603 Euro, arbeitet wöchentlich aber nur 28,8 Stunden.
Würde jemand für 35 Stunden nach Haustarif bezahlt, würde er 3163 Euro verdienen, gemessen daran sind die 2556 Euro 20 % weniger.
2. Mehr arbeiten
Die Marrakesch Bauer arbeiten statt 28,8 Stunden 35 Stunden (+21 %). Falls die Produktionsvorgaben nach Menge oder Qualität nicht geschafft werden, arbeiten sie bis zu 42 Wochenstunden (+45 %) nach - zum selben Lohn.
Die 5,5-minütige Erholpause pro Stunde und die Bezahlung von Bandstillständen entfällt, bis zu 14 Ausfalltagen durch Krankheit werden nachgearbeitet.
Maximal 200 Überstunden pro Jahr werden auf ein Arbeitszeitkonto gebucht und mit Freizeit ausgeglichen.
Die IG-Metall beugte sich mit diesen Zugeständnissen der Erpressung durch den VW‑Verhandlungsführer, den Markenchef Wolfgang Bernhard. Er hatte damit gedroht, die Produktion nach Portugal zu verlegen und in Wolfsburg Leute zu entlassen.
Bernhard ist erst im März 2005 von DaimlerChrysler zu VW gekommen. „Sein Job als Vize-Chef bei Chrysler bestand vorrangig in dem, was Bernhard am besten kann: Sanieren. Jenseits des Atlantiks hat Bernhard mehrere Werke dichtgemacht und in nur 2 Jahren 26000 Chrysler Mitarbeiter nach Hause geschickt.“ faz 14.07.2005
Mit diesen Erfahrungen ist er für VW genau der richtige. Denn der VW-Vorstandsvorsitzende Pischetsrieder stellt sich die Frage: „Wird die Autoindustrie in Europa überleben oder nicht?“ Und damit VW zu den überlebenden Firmen gehört, hat er seinem Sanierer (der, wenn er ein erfolgreiches „Überleben“ hinkriegt, sein Nachfolger werden könnte) folgendenden Auftrag gegeben:
„2008 soll der Konzerngewinn vor Steuern um 4 Milliarden Euro über dem Bruttogewinn des Jahres 2004 (1,1 Milliarden Euro) liegen. Dazu sind Einsparungen von rund 7 Milliarden Euro erforderlich.“ faz 25.08.2005
Damit der Gewinn
innerhalb von 4 Jahren verfünffacht wird, müssen die VW-Löhner mehr arbeiten
und weniger verdienen. Logisch.
Und weniger werden:
„Volkswagen streicht 14000 Arbeitsplätze – Zehntausend Stellen fallen in
Deutschland weg.“ faz 06.09.2005
Und das alles ganz
ohne Tarifverhandlungen! Der im November letzten Jahres ausgehandelte Vertrag
gilt weiter. Damals hatten die VW-Löhner auch „Zugeständnisse“ gemacht – für
eine Beschäftigungssicherung! Im einzelnen legte der Vertrag folgendes fest:
1.
Beschäftigungssicherung: In den sechs westdeutschen
VW-Werken sind betriebsbedingte Kündigungen bis 2011 ausgeschlossen; die
Mitarbeiterzahl soll bei 103 000 bleiben.
2.
Nullrunde: Für die Laufzeit von 28 Monaten gibt
es keine Tariferhöhung, dafür aber eine Einmalzahlung von 1000 Euro im März
2005.
3.
Bonusplan: Von 2006 an gibt es am
Firmenergebnis orientierte Boni. (Die es nach bis dahin gültigem Haustarif auch
2005 gegeben hätte.)
4.
Haustarif: Wer vom 1. Januar 2005 an
eingestellt wird, wird nach dem um 20 % niedrigeren Flächentarif bezahlt;
leistungsorientierter Lohn für jetzige Mitarbeiter.
5.
Flexibilität: Ein Arbeitszeitkonto mit
Schwankungsbreite von plus/minus 400 Stunden wird eingeführt.
Überstundenzuschläge werden von der 40. Wochenstunde an gezahlt – und
nicht mehr nach der 35., wie bisher.
6.
Arbeitszeit: Mitarbeiter können 66
(Über-)Stunden im Jahr ansparen und dafür vorzeitig ausscheiden.
7.
Auszubildende: Volkswagen übernimmt 85 Prozent
aller Ausgebildeten, 15 Prozent gehen zu Auto-Vision, die Vergütung
sinkt.
Damals
war das Argument, das die IG-Metall-Unterhändler dazu brachte, statt 4 % mehr
Lohn, wie ursprünglich gefordert, nun eine Nullrunde zu akzeptieren, das
folgende: „Wenn wir unser Kostenkonzept nicht durchsetzen, wird unser
Beschäftigungsvolumen in Deutschland in den nächsten Jahren dramatisch
schrumpfen.“ Das sagte laut faz 27.10.2004 der damalige VW-Personalvorstand
Hartz. (Ja, genau DER Hartz.) Und „VW verdient mit Autos KEIN Geld mehr. – Im
Automobilgeschäft steht Umsätzen von 59 Milliarden Euro ein Verlust von 38
Millionen Euro gegenüber.“ faz 29.10.2005
Am 15.02.2005 hieß es dann in
derselben Zeitung: „Volkswagen hält die Dividende trotz Gewinnrückgang stabil“
– der Gewinn vor Steuern betrug dann aber 1099 Millionen Euro – aber der reicht
ja nicht zum Überleben, wie oben schon festgestellt wurde.
2004
hieß der Verhandlungsführer der IG-Metall Hartmut Meine. Und der meinte in
einem Interview zu diesem Ergebnis: „Ich akzeptiere den Begriff Nullrunde (s.o.
Ziffer 2 des Vertrages!) nicht. Mitsamt der Einmalzahlung kommen die
Mitarbeiter über die nächsten zwei Jahre auf eine Lohnerhöhung von 1,3
Prozent.“ – „Wenn man berücksichtigt, daß der in der Vergangenheit übliche
Erfolgsbonus von mehr als 1100 Euro wegfällt, bleibt doch gar keine Steigerung
übrig.“ – „Daß der Erfolgsbonus mangels geschäftlichem Erfolgs 2005 wegfällt,
hat nichts mit dem Verhandlungsergebnis der IG Metall zu tun, denn über den
Bonus verhandelt der Betriebrat ....“
Nun hat Herr Meine
wieder verhandelt. Nicht über den Haustarif, sondern darüber, ob der Marrakesch
in Wolfsburg gebaut wird. Oder in Portugal. Was er erreicht hat, steht oben.
Was er dazu sagt, kommt jetzt:
Hartmut Meine, IG Metall (Bild: AP)
Der IG-Metall-Bezirksleiter Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, Hartmut Meine, hat die Entscheidung begrüßt, den neuen VW-Geländewagen Marrakesch im Stammwerk Wolfsburg bauen zu lassen. Die Verhandlungen seien hart aber konstruktiv verlaufen, sagte Meine. Was da gelungen sei, sei ein Signal für die Produktion von wettbewerbsfähigen Fahrzeugen bei Volkswagen.
Kolkmann: Herr Meine, wie sieht die Einigung
konkret aus, wir sind gespannt?
Meine: Also, die Meldung ist korrekt, der kleine
Geländewagen wird in Wolfsburg und nicht in Portugal gefertigt, er wird bei der
Auto 5000 GmbH, einer Tochter von VW in Wolfsburg gefertigt und zwar mit den
Auszubildenden, die in den Jahren 2006 und 2007 bei Volkswagen auslernen, das
sind rund insgesamt 1000 Auszubildende, die bei der Auto 5000 GmbH einen
unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen. Für die Belegschaft in Wolfsburg sind
keinerlei Abstriche vereinbart worden, wie es jetzt an vielfältigen Stellen
gemutmaßt worden ist. Das ist der eine Punkt. Der zweite Punkt, überraschend
für viele, es ist jetzt gelungen, einen neuen Fahrzeugtyp für das Werk Emden
und einen weiteren Fahrzeugtyp für das Werk Wolfsburg zu Bedingungen des
Haustarifvertrages zu vereinbaren. Voraussetzung ist, dass Betriebsrat und
Management im Rahmen des Haustarifvertrages Kostenoptimierungen realisieren
können.
Kolkmann: Das alles klingt nicht nach einem blauen
Auge für die Belegschaft, sondern nach einem Hauptgewinn.
Meine: Es ist uns sehr schwer gefallen, weil die
Auszubildenden hatten ja ursprünglich einen Anspruch bei Volkswagen übernommen
zu werden. Wir haben das Zugeständnis gemacht, dass diese zwei Jahrgänge in
Wolfsburg jetzt bei Auto 5000 übernommen werden. Hintergrund ist, dass die
Auslastung in Wolfsburg zurzeit nicht sehr gut ist und bei der VW AG die
Auszubildenden wahrscheinlich nur in ein Teilzeitarbeitverhältnis übernommen
worden wären. Bei der Auto 5000 verdienen die mit rund 2536 Euro ein gutes
Geld, haben einen unbefristeten Arbeitsvertrag und sogar eine
Beschäftigungssicherung bis 2011.
Kolkmann: Der Lohndruck ist ja ziemlich groß im
Inland durch die günstige Fertigung im Ausland, das war ja auch das Thema hier
beim Marrakesch. Es gibt ja den Autoexperte Dudenhöfer, der immer wieder
zitiert wird, der gesagt hat: 18.000 Arbeitsplätze hat VW zu viel in
Deutschland. Wie kann man die trotzdem retten?
Meine: Nun, wir haben das gestern Nacht glaube ich
vorgemacht. Durch konstruktive Verhandlungen und Vereinbarungen. Der Herr
Dudenhöfer ist immer sehr schnell dabei mit flotten Sprüchen, er hat von
Tarifpolitik, lassen Sie mich das mal so deutlich sagen, relativ wenig Ahnung.
Ich glaube, was gestern Abend gelungen ist, ist ein Signal für die Produktion
von wettbewerbsfähigen Fahrzeugen bei Volkswagen, einerseits bei der Auto 5000
GmbH, andererseits aber auch zu den Bedingungen des Haustarifvertrages. Ich
denke, dass auch durch die Unterschrift von Dr. Pischetsrieder und Dr. Bernhard
jetzt die ganzen Gerüchte weg sind, der Haustarifvertrag bei Volkswagen sei
nicht zukunftsfähig. Im Rahmen des Haustarifvertrages sind Kostenoptimierungen
möglich, daran arbeiten Management und Betriebsrat bei Volkswagen
professionell.
Kolkmann: Können Sie sich vorstellen, dass es in
Zukunft noch weitere Schritte hin zu einer Flexibilisierung innerhalb dieses
Lohngefüges geben wird?
Meine: Wenn Sie sich genauer angucken die
tariflichen Regelungen bei Volkswagen, sind sie ungeheuer flexibel durch die
Einführung der Vier-Tage-Woche, durch ein Arbeitszeitkonto von plus 400 bis
minus 400 Stunden haben wir schon eine solch gewaltige Flexibilisierung von
Arbeitszeit und ich sage das ohne jegliche Übertreibung wie sie kein anderes
Automobilwerk auf der Welt hat. Volkswagen ist bei den Arbeitszeiten ungeheuer
flexibel und kann sehr schnell dann auf besondere Situationen in Boomzeiten
oder in Talsohlen reagieren.
Kolkmann: Erwarten Sie durch den Einstieg von
Porsche, dass bei VW möglicherweise da die Verhandlungen künftig etwas härter
werden?
Meine: Das glaube ich nicht, wir haben bei Volkswagen
eine Kultur, wo wir hart verhandeln, auch gestern Nacht waren die Verhandlungen
sehrt hart. Der Einstieg von Porsche, den ich im Übrigen begrüße, hat auf diese
Verhandlungen keinen direkten Einfluss gehabt.
Kolkmann: Was erwarten Sie nun von Porsche, sind
erst einmal alle Befürchtungen einer möglichen feindlichen Übernahme von VW vom
Tisch, kann nun in Richtung Innovation, Stichwort Hybridantrieb,
vorangearbeitet werden?
Meine: Ganz genau das ist der Punkt. Die haben
jetzt zwei Großaktionäre: das Land Niedersachen, die Firma Porsche, damit ist
Volkswagen halbwegs geschützt von den Angriffen von Hedgefonds, das war ja die
große Befürchtung, die wir hatten bei Wegfall des VW-Gesetzes, dass
irgendwelche Finanzinvestoren kommen, das Unternehmen filettieren und die
Arbeitsplätze dabei auf der Strecke bleiben.
Kolkmann: Hatten Sie den Eindruck, dass da schon
einige am Werke waren?
Meine: Da haben einige drauf gesetzt, dass
möglicherweise das VW-Gesetz von der EU nicht bestätigt wird, ich sehe jetzt optimistisch
in die Zukunft, VW hat eine seriöse und konstante Eigentümerstruktur, die sie
vor feindlichen Übernahmen schützt und ich denke auch, dass die technologische
Zusammenarbeit zwischen Volkswagen und Porsche, die Sie angesprochen haben bei
der Hybridfertigung, durch dieses Engagement von Porsche noch verbessert werden
kann.
Kolkmann: Wie kann man jetzt noch das was viele
Kunden fordern wahrmachen, nämlich dass VWs billiger werden? Viele Kunden
möchten ganz gerne einen VW haben, aber sagen, im Vergleich zu anderen
Konkurrenzangeboten sind die einfach zu teuer.
Meine: Wir haben dazu vereinbart, im Tarifabschluss
im November schon, dass Betriebsrat und Management gemeinsam an
Kostenoptimierungen arbeiten bei der montagegerechten Fertigung von Fahrzeugen,
aber auch in der Optimierung von Arbeitsorganisation. Wenn Sie sich einmal
anschauen die Form der Arbeitsorganisation in diesem Modell 5000 mal 5000 ist
wesentlich effektiver. Dort wird Gruppenarbeit wirklich gelebt, da findet
Qualifizierung parallel zur Fertigung statt, um Qualität zu verbessern, es wird
daran gearbeitet an flachen Hierarchien, dass eine Fabrik nur noch mit drei
Führungsebenen ausgestattet ist, das sind Punkte, wo Sie durch Gestaltung von
Arbeitsorganisation und Produktgestaltung Kosteneinsparungen realisieren können
und dann werden hoffentlich auch einmal die Fahrzeuge von Volkswagen ein Stück
billiger.
Ende des Interviews...............................................................................................................
Was noch ?
Wem das noch nicht reicht, der kann sich mit diesem Link noch eine nicht besonders geordnete Textsammlung aus dem Internet laden, mit der diese Geschichte etwas ausführlicher erzählt wird.
Ganz interessant ist auch diese Praesentation. Sie handelt davon, wie den Opel-Arbeitern 2004 das Fell über die Ohren gezogen wurde. Und passt deswegen so gut zu VW 2005, weil:
VW kommt laut Professor
Dudenhöfer um einen Mitarbeiterabbau in Westdeutschland nicht herum.
Opel und Ford hätten diese Einschnitte bereits hinter sich.
Nach seinen Analysen hat VW einen Personalüberhang von 15.000 Beschäftigten.