AKTUELL VOM 27.09.2005

VW will den "Marrakesch" jetzt in Wolfsburg bauen lassen. (Bild: AP) 

Neuer VW-Geländewagen wird in Wolfsburg gebaut

Sicherung für rund 1000 Arbeitsplätze

Nach Zugeständnissen der Belegschaft baut Volkswagen den neuen Golf-Geländewagen "Marrakesch" nun doch am Stammsitz Wolfsburg. Die mit den Arbeitnehmervertretern erzielte Vereinbarung ermöglicht die von dem Konzern angestrebte Kosteneinsparung von 850 Euro pro Fahrzeug. Vorgesehen ist ferner, dass später ein weiteres Modell in Wolfsburg und ein drittes in Emden gefertigt werden. Der Betriebsrat sieht durch die Entscheidung mehr als tausend Arbeitsplätze gesichert.

Die Produktion soll in der Konzerntochter "Auto 5000 GmbH" erfolgen. Damit wird nach dem Mini-Van Touran ein weiteres Modell unter schlechteren Bedingungen als denen des Haustarifs produziert. Ein Teil der Einsparungen soll durch den Wegfall von bezahlten Pausen sowie unbezahlte Nacharbeitszeit zusammen kommen.

Die Konzernleitung hatte von den Arbeitnehmer-Vertretern Zugeständnisse bei den Personalkosten verlangt. Wäre keine Einigung zu Stande gekommen, sollte die Produktion des neuen Geländewagens nach Portugal verlagert werden.

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement begrüßte die Einigung. Sie zeige, dass es Antworten auf die Anpassungszwänge der Globalisierung gebe. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff sprach von einem guten Tag für das Bundesland, das mit gut 18 Prozent an dem Autobauer beteiligt ist.

Meine: Die Verhandlungen waren "hart aber auch konstruktiv"

 

Hartmut Meine, Verhandlungsführer der IG Metall, gibt nach den Verhandlungen mit der VW-Geschäftsleitung in Hannover Ergebnisse bekannt. (Bild: AP)

Hartmut Meine, Verhandlungsführer der IG Metall, gibt nach den Verhandlungen mit der VW-Geschäftsleitung in Hannover Ergebnisse bekannt. (Bild: AP)

Die Entscheidung, den neuen VW-Geländewagen "Marrakesch" im Stammwerk Wolfsburg bauen zu lassen, hat der IG-Metall-Bezirksleiter Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, Hartmut Meine, ausdrücklich begrüßt. Die Verhandlungen seien hart aber konstruktiv verlaufen, sagte Meine. Was da gelungen sei, sei ein Signal für die Produktion von wettbewerbsfähigen Fahrzeugen bei Volkswagen. "Das sind ungefähr 1000 Auszubildende, die einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen. Für die Belegschaft in Wolfsburg sind keinerlei Abstriche gemacht worden."


Letzte Änderung: 28.09.2005 14:16 Uhr

 

 

VW baut Geländewagen in Wolfsburg zu niedrigerem Tarif

Di Sep 27, 2005 3:47 MESZ6

 

Wolfsburg (Reuters) - Nach weit reichenden Lohnzugeständnissen der Belegschaft baut Europas größter Autohersteller Volkswagen den neuen Golf-Geländewagen nun doch am Stammsitz Wolfsburg.

VW-Markenchef Wolfgang Bernhard gelang nach harten Verhandlungen mit der Arbeitnehmerseite am Dienstag ein Kompromiss, der ihm die geplanten Kostensenkungen ermöglicht. Mit der Entscheidung, den Wagen von der günstigeren Tochter Auto 5000 GmbH fertigen zu lassen, rückt der Konzern weiter von seinem Haustarif ab. VW plant nun sogar ein zusätzliches Modell in Wolfsburg und später ein drittes auch für das Werk in Emden. Der Betriebsrat sieht durch sein Einlenken mehr als 1000 Arbeitsplätze gesichert, Politiker zeigten sich wie häufig in der Vergangenheit zufrieden mit der Konsensbereitschaft bei VW. Das Management hatte zuvor gedroht, ohne ein deutliches Entgegenkommen der Belegschaft den Geländewagen "Marrakesch" in Portugal zu niedrigeren Kosten bauen zu lassen.

BERNHARD WILL NOCH MEHR - "DAS IST EIN ERSTER SCHRITT"

"Wir freuen uns, dass wir gemeinsam mit dem Betriebsrat und der IG Metall die notwendige Kostenreduzierung von rund 850 Euro bei dem Geländewagen erreicht haben", sagte Bernhard in Wolfsburg. Zugleich bereitete er die Belegschaft gleich wieder auf weitere Einschnitte vor. "Das ist ein erster Schritt auf einem ganz langen Weg, den wir noch vor uns haben", sagte er. Der von DaimlerChrysler als Sanierer zu VW gewechselte Bernhard hatte der Arbeitnehmerseite bis Montag Zeit gegeben, um durch Lohnzugeständnisse den Zuschlag für das Stammwerk zu erreichen. Binnen drei Jahren will er die Kosten allein bei der Verluste schreibenden Hauptmarke VW um fünf Milliarden Euro senken. Konzernweit will Volkswagen bis 2008 rund zehn Milliarden Euro einsparen und den Vorsteuergewinn so um vier Milliarden auf 5,1 Milliarden Euro erhöhen.

"Für uns war es wichtig, dass der kompakte Geländewagen in Wolfsburg gebaut wird und dass wir die Beschäftigung von mehr als 1000 Kolleginnen und Kollegen sichern können", gab sich Betriebsratschef Bernd Osterloh pragmatisch. "Wir stehen im Wettbewerb, es gibt Rabattschlachten mittlerweile auch in Europa. Es ist wichtig, dass die Leute von unseren Produkten emotional überzeugt sind, aber auch vom Preis." Nach Meinung von Konzernchef Bernd Pischetsrieder ist dies nur zu niedrigeren Kosten möglich. Im Unternehmen wurde die Einigung von einigen Führungskräften als Einstieg in eine Diskussion gewertet, wie flexibel man den geltenden Tarifvertrag auslegen kann.

Die IG Metall sieht den Haustarif bei VW hingegen gesichert. "Es bleibt für 99.000 Menschen mindestens bis Dezember 2011 beim Haustarifvertrag", sagte Bezirkschef Hartmut Meine. Nach Angaben der Gewerkschaft verdient ein Beschäftigter bei Auto 5000 bei 35 Wochenstunden 2556 Euro im Monat. Bei vergleichbarer Tätigkeit erhält ein Arbeiter nach dem bisherigen Haustarif zwischen bis zu 2603 Euro, arbeitet wöchentlich aber nur 28,8 Stunden.

KONSENSMODELL VW WIEDER ALS VORBILD

In Reihen der Politik wurde der VW-Kompromiss wiedermal als wegweisend begrüßt. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sieht ein Beispiel, wie Unternehmen bei den Zwängen der Globalisierung Arbeitsplätze in Deutschland halten könnten. "Ich wünsche mir, dass dieses und andere, ähnlich gute Beispiel immer mehr Schule machen", sagte er. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sprach von einem guten Tag für das Bundesland, das mit gut 18 Prozent an dem Autobauer beteiligt ist. Mit der Tarifeinigung sei der Nachweis erbracht, dass "industrielle Produktion langfristig am Standort Deutschland möglich ist". Bundeskanzler Gerhard Schröder lobte in diesem Zusammenhang auch den geplanten Einstieg von Porsche bei VW: "Es ist deutlich geworden, dass man bereit ist, eine deutsche industriepolitische Lösung zu finden. Der Präsident des deutschen Autoverbands VDA, Bernd Gottschalk, sagte in einem n-tv-Interview: "Ich widerspreche ausdrücklich der verbreiteten These, dass man am Standort Deutschland nicht mehr wirtschaftlich Automobile produzieren kann."

ANALYSTEN: "ANFANG VOM ENDE DES HAUSTARIFS"

Analysten werteten den Kompromiss als "Anfang vom Ende des Haustarifs". Die Botschaft des Tages sei, dass sich VW mit einer "Salami-Taktik" bei jeder Modellentscheidung weiter und weiter vom Haustarif löse, sagte Stephan Droxner von der Landesbank Baden-Württemberg. Die Einigung sei zugleich Zeichen, dass die Belegschaft die Botschaft verstanden habe "und sich auch in die Richtung bewegt", fügte Marc-René Tonn von M.M. Warburg hinzu.

Unternehmensspitze und Arbeitnehmerseite vereinbarten außerdem, die Wettbewerbsfähigkeit des Wolfsburger Stammwerkes zu erhöhen, um dort ein zusätzliches Modell künftig zu fertigen. Die Entscheidung über diesen Wagen steht noch aus. Ferner verständigten sich beide Seiten darauf, dass das Werk in Emden, wo der Passat gebaut wird, die Zusage für die Fertigung eines neuen Modells ab 2008 erhält. Dafür sollen Betriebsrat und Werksleitung bis Mitte Oktober Kostensenkungen aushandeln.

Die VW-Aktie gewann bis zum Nachmittag gegen den schwächeren Markttrend 0,4 Prozent auf 51,75 Euro.

Volkswagen

 


Damit Marrakesch nach Wolfsburg kommt

 

 © Patrick Lux/DPA

Bald könnten deutlich weniger Fußgänger das VW-Stammwerk in Wolfsburg verlassen

 

Volkswagen will bei der Herstellung des Golf-Geländewagens "Marrakesch" den Verkaufspreis senken. Hierzu sollen vor allem im Stammwerk Wolfsburg Personalkosten gedrückt werden: 14.000 Stellen sind bedroht.

Europas größter Autobauer Volkswagen (VW) will die Produktionskosten in den VW-Werken bis 2008 vor allem durch Einsparungen beim Personal um einen Milliardenbetrag drücken. "Wir wollen die Produktivität in den laufenden Prozessen jährlich um sechs Prozent erhöhen", sagte Reinhard Jung, der im VW-Markenvorstand für Produktion und Logistik zuständig ist, der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Insgesamt sollten die Produktionskosten in den VW-Werken innerhalb von drei Jahren um 1,3 Milliarden Euro sinken. Ein großer Teil davon entfalle auf Personalkosten. Jung rechne mit einem "deutlichen Personalabbau". Markenchef Wolfgang Bernhard hatte das Kostensenkungsziel bis 2008 zuletzt auf mehr als eine Milliarde Euro taxiert.

..

 

Nach einem von mehreren Rechenmodellen, über die im Vorstand diskutiert werden, will VW rund 14.000 der 123.000 Arbeitsplätze in Europa über Ruhestandsregelungen und Abfindungen streichen. Es gehe aber auch um eine Senkung der Arbeitskosten pro Kopf, etwa über veränderte Arbeitszeiten und Schichtmodelle, sagte der Produktionsvorstand.

"Wir meinen es ernst"
Modellhaft für die Kostensenkungen ist für Jung der geplante Golf-Geländewagen "Marrakesch". VW-Markenchef Bernhard droht, ihn in Portugal statt in Wolfsburg zu bauen, um weitere 1000 Euro pro Fahrzeug zu sparen. "Das ist kein Kettengerassel. Wir meinen es ernst", sagte Jung. Wolfsburg sei der teuerste und komplexeste Standort von Volkswagen, weshalb dort die Stellhebel für Kostensenkungen am größten seien. Dennoch äußerte sich Jung optimistisch, dass der "Marrakesch" letztlich in dem zu schwach ausgelasteten Stammwerk in Wolfsburg gebaut werde. "Jeder weiß um die Bedeutung dieses Autos für den Standort Wolfsburg", sagte er.

Jung kündigte an, die eigenen Komponentenwerke bei künftigen Neuvergaben mit Zulieferern in den Wettbewerb treten zu lassen. "Wir werden nicht zögern, am Markt einzukaufen, wenn dies für uns wirtschaftlicher ist", sagte der Vorstand unter Verweis auf den scharfen Wettbewerb in der Zulieferbranche. Die Zeitung berichtete, Jung habe angedeutet, dass davon vor allem die VW-eigene Kunststofffertigung in Braunschweig und Wolfsburg sowie die Gießereien in Hannover und Kassel betroffen sein könnten.

 

Reuters

 

 

VW macht den Marrakesch zum Testfall

Europas größter Autobauer VW macht die Vergabe des Produktionsauftrags für den Golf-Geländewagen Marrakesch zum Testfall für seine deutschen Werke und den VW-Haustarif.


VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder und VW-Markenchef Wolfgang Bernhard wollen Volkswagen wieder nach vorne bringen. Foto: dpa

 FRANKFURT. „Schaffen wir es, Autos wie den Geländewagen mit einem so hohen USA-Anteil hier wettbewerbsfähig zu fertigen, hat das Modellcharakter für zukünftige Projekte“, sagte Bernd Pischetsrieder der „Welt am Sonntag“. Ohne Abstriche am Haustarifvertrag sei das nicht möglich.

Nach einem dem Handelsblatt vorliegenden Forderungspaket sollen die Beschäftigten bei der Fertigung des Geländewagens dafür unter anderem teilweise auf die Bezahlung von Zuschlägen, Pausen, Qualifikationszeiten und Krankheitstagen verzichten. Der gesamte Forderungskatalog würde die Produktionskosten je Auto um mehr als 900 Euro senken. „Wir nehmen zu Einzelpunkten keine Stellung“, sagte dazu ein VW-Sprecher. Ziel von VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder ist es, den teuren Haustarif bei der Marrakesch-Produktion aufzuweichen, ohne ihn zu kündigen. Das sei nur die letzte Möglichkeit. Hartmut Meine, Chef der niedersächsischen IG Metall, forderte daraufhin, die Spekulationen zu beenden: „Die Gedankenspiele von Herrn Pischetsrieder führen in die Irre. Für die IG Metall steht der Haustarifvertrag unter keinen Umständen in Frage“, betonte er.

VW-Markenchef Wolfgang Bernhard hatte dem Betriebsrat ein Ultimatum bis zum 26. September gestellt, um auf die Forderungen zur Kostensenkung einzugehen. Ansonsten gehe der Fertigungsauftrag, an dem rund 1 000 Arbeitsplätze hängen, nach Portugal. Um die Kosten für das Auto auf das angestrebte Niveau zu senken, fordert Bernhard außerdem, größere Module zu günstigeren Preisen außerhalb des VW-Tarifs vormontieren zu lassen. Gibt es Qualitätsprobleme bei der Marrakesch-Produktion, sollen die Beschäftigten unentgeltlich nacharbeiten. Die meisten Forderungen des Managements sind bei der VW-Tochter Auto 5000, die den Touran baut, in ähnlicher Form verwirklicht.

Nach den Vorstellungen des Konzerns sollen in die Marrakesch-Fertigung zudem möglichst viele Auszubildende übernommen werden, die bereits nach dem Tarifvertrag aus dem vergangenen Herbst rund zehn Prozent schlechter bezahlt werden dürfen als nach der bislang geltenden Entlohnung. Dass zur Kostensenkung auch versucht werden soll, VW-Mitarbeiter mit Abschlagszahlungen aus dem Haustarif herauszukaufen und nach den billigeren Auto-5000-Konditionen weiterzubeschäftigen, wollte ein VW-Sprecher nicht bestätigen. „Wir verhandeln über vieles, aber intern“, sagte er. Dass diese Möglichkeit aber geprüft wird, wurde aus dem Umfeld des Konzerns bestätigt.

In dem aus dem vergangenen Herbst stammenden VW-Haustarifvertrag wurde Wolfsburg der Bau des Geländewagens zwar zugesichert, allerdings unter dem Vorbehalt der Wirtschaftlichkeit. Unabhängig davon will VW mehrere tausend Beschäftigte in Europa über Vorruhestandsregelungen und Abfindungen abbauen.



HANDELSBLATT, Montag, 12. September 2005, 11:44 Uhr

08.09.2005   14:34 Uhr

 

Europas größter Autobauer Volkswagen will nicht nur bei der Einführung neuer Modelle, sondern auch bei allen anderen Fahrzeugen scharf auf die Kostenbremse treten.

Bis zum Jahr 2008 sollen die Fertigungskosten in allen VW-Werken um 1,3 Milliarden Euro gesenkt und die Produktivität jährlich um 6 Prozent gesteigert werden, sagte der im VW-Markenvorstand für die Produktion zuständige Manager Reinhard Jung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Donnerstagsausgabe). Dies gehe einher mit einem „deutlichen Personalabbau“.

Der neue VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard hatte bereits vor einiger Zeit erklärt, das Ergebnis in der Markengruppe (VW, Skoda, Bentley, Bugatti) müsse bis 2008 durch Leisterungssteigerungen und Kostensenkungen um sieben Milliarden Euro verbessert werden. Allein die Kosten müssten um fünf Milliarden Euro runter. Konzernweit sind nach Angaben aus Branchenkreisen zehn Milliarden Euro Einsparungen geplant.

Der jüngste Streit um den Fertigungsort für den neuen kompakten Geländewagen "Marrakesch", bei dem Bernhard deutliche Zugeständnisse bei Löhnen und Arbeitsbedingungen fordert, ist nach den Erläuterungen Jungs erst der Anfang. „Das Kostengerüst für den Bau des kompakten Geländewagens wird zum Vorbild für alle neuen VW-Modelle“, sagte der Manager. Mit dem teuren Haustarif in Wolfsburg lasse sich das Modell nicht wirtschaftlich bauen.

"Wir meinen es ernst"

Bernhard droht daher mit einer Produktion in Portugal. Jung: „Das ist kein Kettengerassel. Wir meinen es ernst.“ Genauso hart wie für den Geländewagen würden alle anderen neuen Modelle kalkuliert, sagte Jung weiter. „Bei jedem neuen Fahrzeug werden wir genau prüfen, wo es am kostengünstigsten produziert werden kann.“

Jung macht deutlich, dass das Stammwerk Wolfsburg, das nur zu etwa 65 Prozent ausgelastet ist, mit seinen rund 50.000 Beschäftigten im Standortvergleich besonders schlecht dastehe. „Wolfsburg ist unser teuerster und komplexester Standort.“ Daher seien auch die Stellhebel für Kostensenkungen dort am größten.

Neben den neuen würden aber auch alle anderen Modelle, die schon auf dem Markt sind, jetzt auf den Prüfstand gestellt. Alle Möglichkeiten von Kostensenkungen im Materialeinkauf, über die Montage bis zu den Fertigungszeiten würden ausgelotet. Dabei werde auch die hausinterne Fertigung von Komponenten unter die Lupe genommen. In der Zulieferindustrie herrsche aggressiver Wettbewerb, und daher werde geprüft, ob Zukauf nicht günstiger ist. „Wir werden nicht zögern, im Markt einzukaufen, wenn dies für uns wirtschaftlicher ist.“

(sueddeutsche.de/dpa)

 

Automobile
„Marrakesch” wird wohl doch in Wolfsburg gebaut


Am Samstag verstärkten sich die Zeichen, daß die Verhandlungen zwischen Vorstand und Betriebsrat in einem Kompromiß münden, der Volkswagen eine wirtschaftliche Fertigung des Geländewagens in Wolfsburg ermöglicht. Markenchef Wolfgang Bernhard hatte Ende August damit gedroht, den Marrakesch von 2007 an im Werk Palmela in Portugal zu fertigen. Dies sei gut 1000 Euro je Fahrzeug günstiger als am Alternativstandort Wolfsburg. Zuvor hatte Bernhard die ursprünglich projektierten Fertigungskosten schon um 2000 Euro je Auto gesenkt.

Abseits des VW-Haustarifs

Um den Geländewagen, wie zum Tarifabschluß 2004 grundsätzlich avisiert, doch noch im - momentan nur zu rund 65 Prozent ausgelasteten - Wolfsburger Werk bauen zu können, muß dieser in die Auto 5000 GmbH integriert werden, fordert Bernhard. In der Auto 5000 GmbH wird nicht nach dem teuren VW-Haustarif gearbeitet, sondern nach dem rund ein Fünftel niedrigeren Metall-Flächentarif. Außerdem richtet sich die Entlohnung der dort beschäftigten 3700 Mitarbeiter (von insgesamt knapp 50 000 im Werk Wolfsburg) nicht strikt nach der Arbeitszeit, sondern nach Einhaltung von Produktions- und Qualitätszielen. All dies hat zur Folge, daß der nach dem "5000 mal 5000"-Modell gebaute Minivan Touran eine deutlich höhere Rendite bringt als der Golf, der in Wolfsburg nach dem Haustarif gebaut wird.

Richtungsweisende Lösung

Die Lösung für den Marrakesch wird auf jeden Fall Schule machen: "Das Kostengerüst für den Bau des kompakten Geländewagens wird zum Vorbild für alle neuen VW-Modelle", sagte Markenvorstand Reinhard Jung jüngst dieser Zeitung (F.A.Z. vom 8. September). Um die Marke VW aus der Verlustzone zu führen, sollen die Kosten bis 2008 um 7 Milliarden Euro gesenkt werden. Bei der Stammarke liegt also der größte Hebel, um den Vorsteuergewinn des Konzerns wie angekündigt binnen drei Jahren um 4 auf 5,1 Milliarden Euro zu erhöhen.

Text: rit. / F.A.Z., 24.09.2005, Nr. 223 / Seite 11 mit Material von Reuters

 

Wildwest bei VW "Marrakesch"

Die IG Metall wütet gegen ein Ultimatum des VW-Vorstands Wolfgang Bernhard: Der hatte gedroht, den neuen Geländewagen in Portugal und nicht in Wolfsburg bauen zu lassen. Dort käme die Produktion gut 1.000 Euro billiger

Heute beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt: 570 Jugendliche fangen im Wolfsburger VW-Werk eine Ausbildung an. Doch was die Zukunft im Stammwerk für sie und die etwa 100.000 weiteren westdeutschen VW-Werker bringen wird, ist derzeit mehr denn je ungewiss.

Es war schon ungewöhnlich, dass VW-Markenchef Wolfgang Bernhard am Dienstag per Pressemitteilung verlauten ließ, der neue Geländewagen auf Golf-Basis werde ab 2007 in Portugal gefertigt. Ein VW-Komitee habe dies empfohlen, weil die Produktionsstätte in Palmela den Wagen mit dem Arbeitstitel "Marrakesch" um gut 1.000 Euro billiger fertigen könne als das Wolfsburger Stammwerk.

Nur wenn die Wolfsburger bis zum 26. September einwilligten, den "Marrakesch" zu den Tarifbedingungen der VW-Tochter "Auto 5.000" zu produzieren, bekämen sie den Zuschlag. Bei "Auto 5.000" fertigen seit drei Jahren 3.800 VWler den Minivan Touran - für etwa 2.560 Euro brutto im Monat, gut ein Fünftel unter dem bei VW üblichen Löhnen. Der im Strudel der VW-Affäre zurückgetretene Personalvorstand Peter Hartz hatte sich das Modell einst ausgedacht, um Arbeitslose einzustellen.

Das drohende Ende des VW-Haustarifs sowie der Erpressungsversuch Bernhards trieb Arbeitnehmervertreter gestern auf die Palme. Während der neue Betriebsratschef Bernd Osterloh ankündigte, dafür zu kämpfen, dass die Produktion nach Wolfsburg geholt werde, sagte IG Metall-Bezirkschef Hartmut Meine, auch "Herr Bernhard" müsse "zur Kenntnis nehmen, dass hier nicht Verhältnisse wie im Wilden Westen herrschen".

Noch gilt in Wolfsburg der Tarifvertrag aus dem vergangenen November. Darin hatten die Volkswagen-Arbeiter nicht nur auf Überstundenzuschläge und höhere Stundenlöhne verzichtet und im Gegenzug eine Jobgarantie für alle westdeutschen Werke bis Ende 2011 erhalten. Im Vertrag war auch der Bau des Marrakesch in Wolfsburg zugesagt worden - wenn das Modell wettbewerbsfähig produziert werden könne.

taz Nord Nr. 7757 vom 1.9.2005, Seite 24, 109 Zeilen (TAZ-Bericht), Kai Schöneberg

HB WOLFSBURG/HANNOVER. „Die Verhandlungen laufen sehr konstruktiv“, sagte eine mit den Gesprächen zwischen Management und Betriebsrat vertraute Person aus dem Konzernumfeld der Agentur Reuters. Beide Seiten befänden sich auf einem guten Weg zu einer Einigung.

VW will die Produktionskosten in den VW-Werken bis 2008 - vor allem durch Einsparungen beim Personal - um mehr als eine Milliarde Euro drücken. VW-Markenchef Wolfgang Bernhard beteuerte aber erst jüngst auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt, dass der Konzern, entgegen anders lautender Medienberichte, nicht von seinem Haustarifvertrag abrücken wolle. Dieser sichert den gut 100 000 Beschäftigten in den westdeutschen Werken deutlich höhere Einkommen zu als in der übrigen Metallindustrie.

In den Medien kolportierte Zahlen eines möglichen Abbaus von bis zu 30 000 Stellen in Europa hatte Bernhard überdies als „völlig aus der Luft gegriffen“ bezeichnet. Der als Sanierer von DaimlerChrysler zu VW gewechselte Manager ließ allerdings auch nicht durchblicken, wie viele Jobs am Ende auf der Kippe stehen dürften. Europaweit hat VW gut 120 000 Beschäftigte.


HANDELSBLATT, Samstag, 24. September 2005, 11:13 Uhr

 

Dossier VW scheut Kosten einer Werkschließung

von Guido Reinking, Hamburg

Europas größter Autokonzern Volkswagen verabschiedet sich von der Möglichkeit, seine deutlichen Überkapazitäten mit einer Werkschließung abzubauen. Interne Berechnungen hätten ergeben, dass die Schließung des VW-Werkes bei Brüssel Kosten verursachen würden, deren Amortisation "viele Jahre" dauern würde, heißt es bei VW.

Nach Berechnungen des Vorstandes würde sich die Schließung des Brüsseler Werkes wegen der fälligen Abschreibungen und der erheblichen Kosten für einen Sozialplan erst nach "acht bis neun Jahren" rechnen. Damit sei dieser Schritt "betriebswirtschaftlich unsinnig", erfuhr die FTD aus dem Management. Stattdessen werde VW den Personalüberhang verteilt über alle Werke in Europa abbauen.

Ein VW-Sprecher wollte die Zahlen nicht kommentieren. Er bestätigte aber, dass es derzeit keine Pläne gebe, ein Werk in Europa zu schließen. Am Freitag beschäftigt sich der VW-Aufsichtsrat mit der weiteren Entwicklung des Unternehmens. Er wird unter anderem einen mündlichen Zwischenbericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zur Bestechungs- und Dienstreisenaffäre um ehemalige Manager und Betriebsräte hören. Auch die hohen Produktionskosten und Überkapazitäten sollen angesprochen werden.

Überkapazitäten und Stellenüberhang

Der größte Autokonzern Europas hat nach früheren Angaben seines Vorstandschefs Bernd Pischetsrieder Überkapazitäten in der Größenordnung von 400.000 bis 500.000 Autos pro Jahr und einen Stellenüberhang von "mehreren 1000 Mitarbeitern". VW baute 2004 weltweit mit 343.000 Beschäftigten 5,1 Millionen Autos.

Vor Wochen hatten Spekulationen die Runde gemacht, der Konzern könne sein Brüsseler Werk schließen. Dort haben im vergangenen Jahr 5700 Beschäftigte 185.000 Autos der Typen VW Golf, Lupo und Audi A3 gebaut. Brüssel gehört - wie die meisten anderen VW-Werke auch - zu den unproduktivsten Fertigungsstätten der europäischen Autoindustrie. Nach einer Studie des Brancheninformationsdienstes AID baut jeder Beschäftigte in Brüssel statistisch 32,4 Autos im Jahr. Das nach diesem Vergleich produktivste Autowerk Europas, die Fertigung von Renault im spanischen Palencia, schafft 87,5 Autos pro Mitarbeiter und Jahr.

"Dass VW es auch anders kann, zeigt die Fertigung des Touran", sagt AID-Geschäftsführer Peter Schmidt. "Dort liegt der Wert bei 58,6 Autos pro Mitarbeiter." Der Kompakt-Van Touran wird von der VW-Tochter Auto 5000 in Wolfsburg nach einem neuen Arbeitszeit- und Lohnmodell gebaut. Die 3200 Beschäftigten in der Fertigung werden nicht nach Arbeitszeit, sondern nach der Einhaltung von Produktions- und Qualitätszielen bezahlt.

Unproduktives Stammwerk

Das Stammwerk in Wolfsburg, in dem die Mitarbeiter nach dem VW-Haustarif bezahlt werden, ist nach AID-Berechnung mit 20,2 Autos je Beschäftigtem dagegen das unproduktivste Autowerk in Europa überhaupt.

Hauptgrund ist die Vier-Tage-Woche, mit der VW 1993 die Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich verkürzt hatte. So konnte damals der Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen vermieden werden. Doch damit wurde das Problem lediglich aufgeschoben.

Freitag 9. September 2005, 21:41 Uhr

IG-Metall-Chef: VW-Geländewagen Marrakesch muss nach Wolfsburg

Hannover (ddp). IG-Metall-Chef Jürgen Peters lehnt es ab, Volkswagen-Mitarbeiter aus dem Haustarif auf das Niveau der Firma Auto 5000 GmbH herunterzustufen, um die Fertigung des Geländewagens Golf Marrakesch nach Wolfsburg zu holen. «Ich glaube nicht, dass das zielführend ist», sagte der Gewerkschaftsvorsitzende der «Hannoverschen Allgemeinen Zeitung» (Samstagausgabe). «Wer schon lange im Unternehmen ist und sich etwas erarbeitet hat, muss auch geschützt sein. Bei Auto 5000 waren ja alle Mitarbeiter vorher arbeitslos. Schon da waren die 'Gleicher Lohn für gleiche Arbeit'-Debatten sehr schwierig zu bestehen.«

»Herr Bernhard macht sich das ein bisschen zu einfach», sagte Peters. «Wenn man technisch und arbeitsorganisatorisch noch nicht alles im Griff hat, sollte man nicht einfach zur Belegschaft sagen: Jetzt müsst ihr das bringen.« Der IG-Metall-Chef zeigte sich allerdings kompromissbereit. Er könne sich nicht vorstellen, dass Wolfsburg das Projekt nicht bekomme, das rund 1000 Arbeitsplätze sichern würde. Ob es die von VW verlangte Einigung bis zum 26. September gibt, mochte Peters aber nicht garantieren.

Mittwoch 31. August 2005, 15:59 Uhr

VW-Markenchef Bernhard lässt die Muskeln spielen

Hamburg (AP) Vor einem halben ist der als knallharter Sanierer bekannte Automanager Wolfgang Bernhard bei Volkswagen gestartet. Jetzt greift er erstmals richtig durch: Um 18.28 Uhr am Dienstagabend schickte er ein 21 Zeilen langes Fax in die Welt, das den Konzern wohl stärker verändern wird als die Einführung der 4-Tage-Woche oder mancher Tarifabschluss.

Zum ersten Mal stellte ein VW-Vorstandsmitglied der Belegschaft öffentlich ein Ultimatum, das dem einst so mächtigen Betriebsrat praktisch keine Wahl mehr lässt. Beim geplanten Golf-Geländewagen sollen die Arbeitnehmer entweder niedrigere Löhne akzeptieren oder das Projekt geht ins billige Portugal, teilte Bernhard mit.

Der Aufschrei der Gewerkschaft ließ nicht lange auf sich warten: «Herr Bernhard muss zur Kenntnis nehmen, dass hier nicht Verhältnisse wie im Wilden Westen herrschen», erklärte IG Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine. Er spielte damit auf Bernhards früheren Job als Sanierer beim US-Autobauer Chrysler hin, wo Bernhard die Axt an zehntausende Jobs legte, um Chrysler wieder profitabel zu machen. ....

Damit bricht ein Konflikt offen aus, den Konzernchef Bernd Pischetsrieder vergangene Woche schon angedeutet hatte: Nach Ansicht der Konzernleitung ist die VW-Produktion in Deutschland zu teuer, die Lohnkosten müssen sinken. Nur wenn die deutschen Werke profitabel für den Export arbeiten können, seien sie überlebensfähig. Beim aktuell schwachen Dollarkurs aber ist das nicht so. In Deutschland werden die Modelle Passat und Phaeton für die USA gebaut.

Nach der harschen Ansage des Kostenkillers Bernhard fing am Mittwoch das Rechnen bei VW an: 1.000 Arbeiter werden gebraucht, um die rund 60.000 geplanten Marrakesch im Jahr zu bauen. Eine Möglichkeit wäre, zwei Jahrgänge der Auszubildenden komplett dafür zu übernehmen. Rund 500 junge Leute beenden pro Jahr ihre Ausbildung bei VW. Sie würden bei Übernahme deutlich schlechter bezahlt als Alt-Arbeiter. Eine andere Möglichkeit wäre, Personal von der VW-Tochter Autovision zu holen. Auch hier wird deutlich schlechter gezahlt als nach dem alten, teuren Tarifvertrag, nach dem noch die Mehrheit der VW-Arbeiter in Wolfsburg entlohnt wird.

Die IG Metall beharrt nun darauf, dass in einer Betriebsvereinbarung der Bau des Marrakesch in Wolfsburg festgeschrieben worden sei. Offenbar wollte der Betriebsrat aus dieser Position heraus höhere Löhne für die 1.000 Marrakesch-Monteure durchsetzen. Dieser Plan ist gescheitert.

 

Fällt der Haustarif bei VW?

Die Konzernspitze droht der Belegschaft in Wolfsburg: Wenn sie nicht preiswerter produziert, soll der neue Geländewagen Marrakesch in Portugal hergestellt werden



Der neue Markenvorstand von Volkswagen, Wolfgang Bernhard, hat der Belegschaft von Europas größtem Autobauer ein überraschendes Ultimatum gestellt: Entweder wird der neue kompakte Geländewagen Marrakesch in Wolfsburg zu niedrigeren Kosten gebaut, als der Haustarifvertrag bislang zulässt - oder die Fertigung geht nach Portugal und in Wolfsburg geraten 1.000 Arbeitsplätze in Gefahr. Bernhard beginnt damit die erste größere Kraftprobe mit dem Betriebsrat und dessen neuen Vorsitzenden Bernd Osterloh.

Obwohl Bernhard seit Wochen schon zusätzliche Einsparungen beim Bau des neuen Modells fordert und als Termin für eine Vereinbarung Ende August genannt hatte, war die jüngste Ankündigung dennoch ein harter Schlag für die Belegschaft. Zumal Bernhard seinen Entschluss mit einer Pressemitteilung verkündete, die lapidar »Kompakter Geländewagen soll in Portugal gefertigt werden« überschrieben ist - so, als sei alles schon beschlossene Sache. Nur »eine einzige Möglichkeit« gebe es noch, den Lauf der Dinge zu ändern: Bei deutlich geringeren Arbeitskosten - sprich Lohnverzicht - könne der Wagen in Wolfsburg gebaut werden. Der Betriebsrat hat jetzt bis 26. September Zeit für die Entscheidung.

Dass die Gewerkschaften angesichts der forschen Vorgehensweise heftig reagierten, verwundert nicht. Immerhin ist der Bau des Marrakesch in den Tarifvereinbarungen im vorigen Herbst dem Wolfsburger Werk zugesagt worden - allerdings unter der Voraussetzung, dass der Wagen dort wettbewerbsfähig produziert werden kann. Und dazu sind in Wolfsburg die Löhne zu hoch, sagt die Unternehmensleitung.

Die IG Metall macht dagegen geltend, die Prüfungsklausel dürfe »nicht zum K.-o.-Kriterium« werden. Er sei überzeugt, dass der Geländewagen in Wolfsburg wettbewerbsfähig zu bauen sei, betont Bezirkschef Hartmut Meine. Der Betriebsrat verweist bisher auf weitere Einsparmöglichkeiten in der Produktion. Osterloh soll sich am Montag in einer Betriebsversammlung äußern.

Jenseits der öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzung wissen jedoch auch die Arbeitnehmerseite und die Gewerkschaft, dass die Fertigungskosten bei VW angesichts der Lage auf dem Automarkt zu hoch sind. Die »goldenen Zeiten« seien erst einmal vorbei, räumte kürzlich ein Betriebsrat ein. Das wüssten die Beschäftigten schon lange. VW-Arbeiter verdienen nach dem alten Haustarif rund 20 Prozent mehr als ihre Kollegen bei anderen Autoherstellern.

Bernhard und der VW-Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder haben stets betont, dass sie den Tarifvertrag einhalten wollen. Aber wenn VW erfolgreich Autos produzieren wolle, müssten sie sich auch im Ausland mit Gewinn verkaufen lassen, sagen sie. Pischetsrieder hatte erst vergangene Woche weitere Kostensenkungen gefordert. Nur wenn trotz niedrigen Dollarkurses mit Gewinn in die USA exportiert werden könne, seien westeuropäische Werke überlebensfähig. In den USA, in die nach den Plänen auch fast jeder zweite Marrakesch verkauft werden soll, gibt es bisher große Verluste, der chinesische Markt bröckelt und der europäische Automarkt stagniert. Konzernweit will VW in den nächsten drei bis vier Jahren zehn Milliarden Euro sparen.

Angesichts der Kostenprobleme und einer Auslastung, die in Wolfsburg unter 70 Prozent liegt, dürfte der Fall Marrakesch wohl erst der Anfang sein. Die Senkung der Arbeitskosten wird nach Ansicht von Branchenbeobachtern wie Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen bei VW das große Thema der Zukunft sein.

 (c) Eva Tasche, dpa, 31.8.2005

     

Automobile
VW will mehrere tausend Stellen abbauen

Davon wären die deutschen Standorte am stärksten betroffen: Nach den internen Planungen des Vorstands sollen in den sechs westdeutschen VW-Werken (Wolfsburg, Hannover, Kassel, Emden, Braunschweig, Salzgitter) etwa 10.000 der derzeit 102.500 Stellen wegfallen. Am stärksten wäre dabei das Stammwerk in Wolfsburg betroffen, wo etwa 50000 Menschen arbeiten. Auf der ganzen Welt beschäftigt der Konzern, zu dem auch Audi, Skoda und Seat gehören, 342.000 Mitarbeiter (siehe im Detail: Hintergrund: Wo Volkswagen seine Autos baut).

Dieser Überhang müsse im Rahmen des bestehenden Tarifvertrages abgebaut werden, machte er deutlich. Eine konkrete Zahl nannte er aber nicht. In einer Mitteilung des Unternehmens hieß es zuvor, zum Abbau nutze Volkswagen die im Rahmen des Tarifvertrags verfügbaren Instrumente wie Vorruhestand durch Altersteilzeit. Darüber hinaus werde Mitarbeitern individuell ein Aufhebungsvertrag angeboten. Diese Maßnahmen sollen für Mitarbeiter in allen Bereichen gelten, auch für Führungskräfte. Nach dem geltenden Tarifvertrag sind bei VW betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahr 2011 praktisch ausgeschlossen. Daher kann der Konzern einen Stellenabbau nur auf freiwilliger Basis erreichen.

Volkswagen-Aktien standen nach Bekanntgabe der neuen Pläne zum Arbeitsplatzabbau ganz oben auf dem Einkaufszettel der Anleger. „Das wird von den Investoren positiv aufgenommen”, kommentierte ein Händler die Nachricht. „Die müssen von ihren Überkapazitäten runter. Und das ist ein richtiger und wichtiger Schritt dahin”, sagte ein Börsianer. VW-Papiere verteuerten sich um 1,7 Prozent auf 43,15 Euro.

Pischetsrieder sagte, es komme darauf an, Wachstumsmärkte aus deutschen Werken profitabel bedienen zu können. Das sei nicht nur eine Frage der Personalkosten, aber diese müßten wenigstens innerhalb Deutschlands, so auch in Wolfsburg, wettbewerbsfähig sein.

Autoexperte: Brüsseler Werk schließen

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hat die Schließung des Werkes in Brüssel empfohlen. „Betriebswirtschaftlich ist eine solche harte Maßnahme immer besser als parallel die Mitarbeiter in mehreren Werken abzubauen. Mit nur 176.763 produzierten Fahrzeugen ist das alte Werk Brüssel nicht ausgelastet”, erklärte er. Das Werk aus den 70er Jahren habe eine ineffiziente Struktur, die Golf-Produktion könne nach Wolfsburg verlagert werden, sagte der Direktor des Center Automotive Research an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Das Werk Brüssel habe 5.700 Mitarbeiter und die Schließung des Standortes würde zur Verbesserung der Kapazitätssituation und Kosten-Situation bei VW beitragen.

Nach Berechnungen von Dudenhöffer hat VW wegen der hohen Löhne in Deutschland einen jährlichen Kostennachteil etwa im Vergleich zu den französischen Konkurrenten von 1,5 Milliarden Euro. Nach Dudenhöffers Untersuchungen wurden im Jahre 2004 gerade noch 1,07 Millionen Fahrzeuge von VW in Deutschland gefertigt. Gegenüber dem Jahr 1998 sei das ein Rückgang von fast 550.000 Fahrzeugen. Die Kapazität der VW-Inlandswerke liege aber auf einem Niveau von über 1,6 Millionen Fahrzeugen pro Jahr. Gut 60 Prozent der weltweiten VW-Überkapazität von 1 Million Fahrzeuge sitze daher in den westdeutschen Werken.

VW kommt laut Dudenhöffer an einem Mitarbeiterabbau in Westdeutschland nicht herum. Opel und Ford hätten diese Einschnitte bereits hinter sich. Nach seinen Analysen habe VW einen Personalüberhang von 15.000 Beschäftigten.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa, Reuters, AP
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb

 

Streit um Produktion des neuen Geländewagens

Selbst wenn der Streit um den Produktionsstandort für den neuen Geländewagen Marrakesch zu Gunsten von Wolfsburg entschieden werde, ändere das kaum etwas an dem notwendigen Personalabbau, sagte Pischetsrieder. Mit dem neuen Auto könnten nur rund 1000 Jobs gesichert werden. Ein konzerninternes Komitee hatte sich in der vergangenen Woche für Portugal als Standort ausgesprochen, weil die Produktion dort rund 1000 Euro pro Fahrzeug billiger wäre als in Wolfsburg.

Betriebsrat fordert "Kreativität" beim Sparen

Der neue VW-Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh appellierte an die Unternehmensspitze, Zusagen einzuhalten. Angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen und eines "sich immer weiter verschärfenden Wettbewerbes" seien Belegschaft und Betriebsrat bereit, mit dem Management nach Lösungen zu suchen, erklärte Osterloh. "Dazu gehört aber eine Vertrauensbasis und diese wird ganz stark davon geprägt, dass bestehende Verträge und Vereinbarungen eingehalten werden." Die Belegschaft erwarte von den verantwortlichen Managern mehr Kreativität als das Äußern von Drohungen.

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement forderte den Konzern auf, sein Sparprogramm nicht auf Kosten der Belegschaft umzusetzen. Es sei "allen klar", dass bei VW ein Umbau fällig sei, einen Arbeitsplatzabbau werde er aber nicht unterstützen. Er könne sich zwar nicht in die internen Vorgänge des Autobauers einmischen, bitte aber den Vorstand, die "geringstmögliche Belastung für die Mitarbeiter" zu suchen.

Bis zu 14.000 Jobs betroffen?

Nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" will der VW-Konzern in den kommenden Jahren 10.000 Stellen in Deutschland streichen. Nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sind sogar bis zu 14.000 Jobs betroffen. Volkswagen hatte seit langem angekündigt, "Personalüberhang" in Deutschland abzubauen. Zuletzt hieß es, in den kommenden drei Jahren könnten in Westdeutschland 6000 VW-Beschäftigte über ein Altersteilzeitprogramm ausscheiden.

VW denkt an Kündigung des Haustarifs

Sparpläne: 30 000 Stellen beim grössten Autobauer Europas bedroht? Konzernchef Bernd Pischetsrieder räumt ein: Aufgabe des Vertrags wäre der allerletzte Weg.

Wolfsburg/Hamburg -

In den Verhandlungen um einen Stellenabbau bei Volkswagen schießt sich das Management auf den Haustarifvertrag ein. Konzernchef Bernd Pischetsrieder wies am Wochenende auf die Möglichkeit einer Kündigung dieser Vereinbarung hin, die betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahr 2011 ausschließt.

Nachverhandlungen seien für den Fall vorgesehen, daß das wirtschaftliche Umfeld dies erforderlich mache, sagte Pischetsrieder der "Welt am Sonntag". "Wir wollen den Tarifvertrag nicht kündigen, das wäre für uns nur der allerletzte Weg."

Der Haustarifvertrag sichert der westdeutschen Stammbelegschaft mit knapp 100 000 Beschäftigten nicht nur die Stellen, sondern auch Löhne, die ein Fünftel über denen in der Branche liegen. Stattdessen könnte man künftig in den Werken die Konditionen der VW-Tochter Auto 5000 GmbH anwenden, sagte Pischetsrieder. Die 3800 Mitarbeiter von Auto 5000 fertigen den Kompaktvan Touran zu niedrigeren Löhnen, als sie der Haustarif vorsieht:

Hier verdient ein Mitarbeiter am Band rund 2556 Euro brutto im Monat für 35 Stunden in der Woche, sagt Jörg Köther von der Metall Niedersachsen dem Abendblatt. Ein Beschäftigter, der nach dem Haustarif bei VW angestellt ist, bekomme für die gleiche Tätigkeit rund 2800 Euro inklusive Zuschlägen, müsse dafür aber nur 28,8 Stunden in der Woche arbeiten.

Vor dem Hintergrund der Diskussion um die Lohnkosten werden auch die Meldungen über das Ausmaß der möglichen Stellenstreichungen bei Europas größtem Autobauer immer drastischer: Der "Automobilwoche" zufolge könnte die bevorstehende Reform der Produktionsstrukturen sogar einen Abbau von bis zu 30 000 Arbeitsplätzen vorrangig in Deutschland zur Folge haben. Nach der Personalreduzierung in der Fahrzeugmontage wolle Pischetsrieder auch insbesondere die VW-Komponentenwerke wie in Kassel, Hannover und Braunschweig auf den Prüfstand stellen, berichtete das Branchenblatt unter Berufung auf Kreise der Konzernführung.

mw, rtr

erschienen am 12. September 2005


06.09.2005

"Deutschland als Produktionsstandort erhalten"

Niedersächsischer SPD-Chef glaubt an kreative Einigung bei VW

Der niedersächsische SPD-Chef Jüttner rechnet mit einer einvernehmlichen Lösung beim geplanten Stellenabbau des VW-Konzerns. Belegschaft und Unternehmensführung hätten in schwierigen Situationen der vergangenen Jahre stets einen Kompromiss gefunden, sagte Jüttner Der SPD-Politiker sprach sich in diesem Zusammenhang gegen finanzielle Hilfen des Landes Niedersachsen aus.

Thoma: Bei VW weht neuerdings ein rauer Wind. Vorbei die Kuschelzeiten zwischen Konzernleitung und Belegschaft. Gestern auf der Betriebsversammlung in Wolfsburg hat Vorstandschef Bernd Pischetsrieder viele bittere Wahrheiten verkündet. Tausende Stellen muss VW abbauen. Experten meinen, es werden rund 10.000 der insgesamt über 100.000 in Deutschland gestrichen. Der Geländewagen Marrakesch wird nur dann in Wolfsburg gebaut, wenn die Belegschaft Lohnkürzung und andere Arbeitszeiten akzeptiert. In Portugal könnte man das ganze nämlich 1.000 € billiger pro Wagen produzieren. VW-Betriebsrat und IG Metall haben Entgegenkommen signalisiert. Sie pochen allerdings auf den gültigen Tarifvertrag, nach dem bis 2011 keine Entlassungen möglich sind.

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff sieht die Sanierung von VW als größte Herausforderung der nächsten Jahre in Niedersachsen an. Ja und die SPD? Die hatte ja früher mit Schröder und Gabriel als Regierungschef ordentlich mitgekuschelt bei VW. Wie sieht es jetzt aus? - Am Telefon begrüße ich Wolfgang Jüttner, den SPD-Partei- und Fraktionschef in Niedersachsen. Guten Morgen Herr Jüttner.

Jüttner: Einen schönen guten Morgen! - Ich glaube der Begriff Kuscheln trifft nicht das, was die Realität bei Volkswagen in den letzten Jahren war. Es war ein ganz bestimmtes Kooperationsmodell, was den Beschäftigten geholfen hat, was für das Land gut war, was aber auch die Wettbewerbsfähigkeit von VW hinreichend gewährleistet hat. Die Situation hat sich verschärft, überhaupt gar keine Frage. VW hat Probleme am Markt. Deshalb werden nach meiner Einschätzung die Unternehmensführung gemeinsam mit dem Betriebsrat und der IG Metall auch auf diese neue Herausforderung angemessene Antworten finden. Im Kern ging es um die Frage Konsensorientierung oder nein. Das hat sich bewährt und ich glaube alle Beteiligten wären gut beraten, sich daran auch durchaus weiter zu orientieren.

Thoma: Da haben Sie die Frage schon beantwortet, ohne dass ich sie gestellt habe, Herr Jüttner. Aber trotzdem noch einmal: Musste man wirklich warten bis zur Korruptions- und Rotlichtaffäre, bis zum Abgang von Peter Hartz? Hätte man nicht schon früher bei VW klare Entscheidungen treffen müssen, die in diese Richtung gehen?

Jüttner: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, dass die Dinge, die jetzt auf der Tagesordnung stehen, unabhängig von den Verwerfungen im sagen wir mal nicht unternehmerischen Kernbereich anstehen. Und die Art und Weise, wie mit der Personalie Hartz öffentlich umgegangen wird, die finde ich nicht in Ordnung. Da war wirklich eine zentrale Person. Die hat Tarifgeschichte in Deutschland geschrieben. Das sollte man jetzt nicht im Nachhinein klein reden. In Zeiten, als VW in Krisensituationen war, durch kreative Tarifpolitik Beschäftigung zu sichern, das war doch durchaus ein Erfolg. Ich kann mir vorstellen, dass mit Pfiffigkeit und Kreativität hier auch zukünftig Erfolgsgeschichten geschrieben werden können.

Das Entscheidende ist doch, dass Deutschland als Produktionsstandort erhalten bleibt. Das brauchen wir alle miteinander und das setzt voraus, dass hier wettbewerbsfähig produziert werden kann. dass die Belegschaft das begriffen hat, hat die gestrige Betriebsversammlung deutlich gemacht. Und wenn man genau hinhört auf die Signale aus Betriebsrat und IG Metall, dann wissen die dort Verantwortlichen doch auch um die Problemlage und sind kooperationsbereit.

Thoma: Glauben Sie denn mit Peter Hartz wären die Wahrheiten bei VW genauso bitter ausgefallen?

Jüttner: Ich glaube Peter Hartz wäre klug genug gewesen, die jetzt notwendigen Antworten auch zu formulieren und zu geben. Daran hängt das nicht, dass das Klima dort jetzt vorgeblich härter wird. Es hat auch in früheren Jahren natürlich harte Auseinandersetzungen gegeben, aber dann haben sich alle Beteiligten zusammengerauft. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das diesmal auch passiert, dass der Geländewagen in Wolfsburg gebaut wird und zwar zu wettbewerbsfähigen Bedingungen.

Dann ist die Frage natürlich: ist das eine Geschichte, die sich ausschließlich zu Lasten der Beschäftigten realisieren lässt, oder wird ein bisschen mit Schwung geguckt, an welchen Stellen lässt sich auch noch optimieren. Das hat Volkswagen in der Vergangenheit eigentlich ausgezeichnet, nicht nur den kurzen schnellen Weg Personalkostenreduktion zu suchen, sondern umfassend zu gucken, wie verbessere ich die Wettbewerbsbedingungen in Deutschland.

Thoma: Auch Bundeswirtschaftsminister Clement hat gestern moniert, bei VW sollte man schon darauf achten, dass man das Ganze nicht nur mit Stellenstreichungen macht oder möglicherweise sogar Entlassungen, sondern dass man dort mehr Phantasie an den Tag legen könnte. Sie haben das Pfiffigkeit genannt. Wie würden Sie das denn genau machen?

Jüttner: Hier sind die Tarifvertragsparteien gefragt. Wir sollten uns dort mit öffentlichen Ratschlägen zurückhalten. Ich habe den Eindruck, dass Herr Pischetsrieder genau weiß, dass er den Tarifvertrag einhalten muss. Das heißt Kündigungen sind damit ausgeschlossen. Aber unterhalb dieser Ebene Kündigung wird es sicher eine ganze Menge an Möglichkeiten geben, die Wettbewerbsbedingungen herbeizuführen, damit der Geländewagen in Deutschland, in Wolfsburg gebaut werden kann. Alle Beteiligten wissen, wie ernsthaft die Situation ist und da alle am Erfolg von Volkswagen und an einer möglichst hohen Zahl von Beschäftigten interessiert sind, wird das in den nächsten Wochen mit Sicherheit zu einem guten Ende führen.

Thoma: Von der IG Metall hat man aber auch schon schärfere Töne gehört. Von Wildwestmethoden war dort die Rede. Bei der Konzernleitung, bei VW gestern war das schon wieder ein bisschen runtergefahren. Da hat man dann schon wieder leisere Töne gehört.

Jüttner: Klappern gehört natürlich auch zum Geschäft. Das gilt für beide Seiten. Herr Bernhard hat kräftig hingelangt und dass dann die IG Metall in der Lage ist, in der gleichen Schärfe sich rhetorisch zu wehren, das ist doch vollkommen normal.

Thoma: Wenn Christian Wulff, der Ministerpräsident, von der größten Herausforderung für die nächsten Jahre spricht, wie stark sollte sich das Land, die Regierung überhaupt dort noch einmischen? Noch ist man im Aufsichtsrat. Die EU hätte gerne, dass man das nicht mehr ist?

Jüttner: Wir sind uns mit der Landesregierung einig, dass das VW-Gesetz Zukunft behalten muss. Das ist für das Land Niedersachsen von zentraler Bedeutung. Ich rate der Landesregierung, sich aus dem Alltagsgeschäft rauszuhalten. Das ist nicht Sache von Aufsichtsratsmitgliedern. Ob das die größte Herausforderung ist, wird sich zeigen. Es gab auch welche in der Vergangenheit und das wird in Zukunft auch so bleiben. VW muss wie jedes andere Unternehmen sich auch am Markt behaupten und da gibt es keine Sonderbedingungen, nur weil das Land Anteilseigner ist. Natürlich hat man eine Verantwortung gegenüber den Beschäftigten, der Region, wo produziert wird, und auch dem Land, aber das müsste auch selbstverständlich sein.

Thoma: Wenn es darum geht, tatsächlich Arbeitsplätze zu erhalten, wird das Land möglicherweise dort auch unterstützend tätig werden, eventuell auch finanziell?

Jüttner: Ich glaube, dass Volkswagen diese Herausforderung aus seiner eigenen Kraft bewerkstelligen muss.

Thoma: Und das Land soll sich dann doch ganz raushalten in diesem Fall?

Jüttner: Auf jeden Fall, wenn es darum geht, die Auseinandersetzungen zu führen, die tarifvertraglichen Regelungen zu präzisieren. Das ist nicht Sache der Anteilseigner. Das ist nicht Sache des Aufsichtsrats. Da sind nach Rechtslage andere gefragt und die sind in der Lage, das schon miteinander zu regeln.

Thoma: Herr Jüttner das hört sich so an, als wären in diesem Punkt SPD und CDU-Regierung in Niedersachsen ganz auf einer Linie?

Jüttner: Das ist ja auch nicht unbedingt ein Weltuntergang.

Wir wissen alle um die Bedeutung von Volkswagen und dass die in einer komplizierten Lage sind und dass es vernünftig ist, öffentliche Ratschläge an der Stelle lieber zu unterlassen.

Thoma: Der Geländewagen Marrakesch, möglicherweise wird er doch in Portugal produziert. 1.000 € billiger geht es dort. Das haben wir schon gehört. Wie weit kann man dort tatsächlich dann Einschnitte machen? Wie weit sollten die Arbeitnehmer bereit sein, auf Lohn zu verzichten und möglicherweise auch auf flexiblere Arbeitszeiten einzugehen?

Jüttner: Sehen Sie, das gehört zum Thema öffentliche Ratschläge. Der Betriebsratsvorsitzende hat gestern deutlich gemacht, dass der abgeschlossene Tarifvertrag vom letzten Herbst durchaus Raum bietet, Teile der Kostensenkung, die die Konzernleitung realisieren will, auch zu organisieren, aber nicht zu 100 Prozent. Darum verhandelt werden müssen, aber nicht auf dem offenen Markt.

Thoma: Nun sind oder waren Sie ja auch IG Metall-Mitglied. Wie stark sind Ihre Kontakte noch dahin?

Jüttner: Oh, ich bin immer noch Mitglied, ja. - Meine Kontakte sind gut. Wir sind als SPD an einer intensiven Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften interessiert. Das ist überhaupt gar keine Frage. Das soll auch so bleiben. Auch das hat zur Konsequenz: keine öffentlichen Ratschläge!

Thoma: Ja gut, aber immerhin war Niedersachsen und VW auch ein Modell. Das muss man auch sagen. Ein Modell für diese Zusammenarbeit; wir haben es vorhin Kuschelkurs genannt. Man kann es einfach auch sehr positiv sehen. Das waren einfach Modelle, wo tatsächlich Arbeitnehmer und Betriebsleitung gut zusammengearbeitet haben. Das 5.000 X 5.000-Modell zum Beispiel. Das hat nun wirklich europaweit Schlagzeilen gemacht. Ist diese Zeit vorbei?

Jüttner: Ich habe hingewiesen auf die Erfolgsgeschichte von Tarifpolitik bei Volkswagen. Das ist ein Kooperationsmodell zwischen Belegschaft, Unternehmensleitung und Öffentlichkeit, wenn man so will Gesellschaft, mit einer ganz bestimmten Anwendung von Mitbestimmung. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Kooperationsmodell sich überhaupt nicht überlebt hat und wir davon durchaus noch lernen können. Und die jetzt die Gelegenheit nutzen, durch Fehlverhalten einzelner das Mitbestimmungsmodell von VW zu diskreditieren, die sind auf dem Holzweg.

Thoma: Und der Standort Niedersachsen für VW ist als Fazit jetzt auf keinen Fall gefährdet?

Jüttner: Nein, überhaupt nicht!

Thoma: Wolfgang Jüttner war das, der SPD-Fraktionschef in Niedersachsen, zur Krise bei VW und zum harten Kurs, der gestern vom Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder angekündigt worden ist. Herr Jüttner, danke schön für das Gespräch!

Jüttner: Bitte schön!

 

Volkswagen: Bernhard geht bei den Arbeitskosten aufs Ganze
[31.08.05, 16:34]

Druck bei Volkswagen steigt

Geschäftsleitung will Personalkosten um 1,3 Mrd. Euro senken.

-------------------------

In den letzten Wochen hatten es die BetriebsrätInnen bei Vokswagen (VW) nicht einfach. Ein enormer Druck von Seiten der Geschäftsführung macht ihnen zu schaffen. Immer wieder werden einzelne Werke gegeneinander ausgespielt und Meldungen von bis zu 10.000 Kündigungen in den deutschen Werken macht die Arbeit auch nicht leichter.

Marrakesch in Portugal
Die erste negative Auskunft erhielten die BetriebsrätInnen Anfang September. Völlig überraschend gab die Geschäftsleitung bekannt, das ab 2007 zu bauende Modell, der Golf Marrakesch, soll nicht im Stammwerk in Wolfsburg hergestellt werden, sondern im portugiesischen Standort Palmela. Grund für die Überlegungen ist die um rund 1000 Euro günstigere Produktion in Portugal.

Ultimatum
Nachdem die IG Metall auf die gültige Tarifvereinbarung hingewiesen hatte, in der der Bau des Marrakesch in Wolfburg vorgesehen ist, stellte der VW-Markenchef den BetriebsrätInnen ein Ultimatum bis 26. September. Bis dahin verlangt er Zugeständnisse, um die Arbeitskosten um 850 Euro zu reduzieren. Dazu die IG Metall: "Herr Bernhard muss zur Kenntnis nehmen, dass in Wolfsburg Vereinbarungen mit den Arbeitnehmern gelten, an die sich auch der Markenvorstand halten muss."

Auto 5000 GmbH
Als Alternative schlugen die VW Experten vor, den Wagen nach den Tarifbedingungen der "Auto 5000 GmbH" bauen zu lassen. In dieser Tochterfirma von VW arbeiten die MitarbeiterInnen um deutlich weniger Geld als bei VW selbst und müssen außerdem 42 Stunden arbeiten, sollte eine gewisse Anzahl von Fahrzeugen nicht zu einem festgesetzten Termin fertig sein. Betriebsratschef Bernd Osterloh meinte er werde sich wieder an den Verhandlungstisch setzen, aber "auf keinen Fall würden die Mitarbeiter im Stammwerk jedoch zu portugiesischen Löhnen fertigen".

Bis zu 10.000 Kündigungen
Auch in der darauf folgenden Wochen waren die Meldungen bei VW durchwegs negativ. In einer Betriebsversammlung kündigte Konzernchef Bernd Pischetsrieder an, die Produktionskosten bis 2008 um 1,3 Milliarden Euro senken zu wollen. Eine der - wieder einmal etwas einfallslosen - Maßnahmen ist der Abbau von Personal. Vor Wochen kündigte Pischetsrieder etwa 6.000 Kündigungen an, Zeitungsmeldungen zu Folge müssen vielleicht sogar 10.000 der 103.000 Arbeitsplätze in Westdeutschland abgebaut werden.

Tarifvertrag
Doch nach geltendem Tarifvertrag dürfen bis 2011 keine betriebsinternen Kündigungen ausgesprochen werden. Aus diesem Grund erhofft sich die Geschäftsleitung den Stellenaubbau durch die noch verfügbaren Instrumente, wie Vorruhestand und Altersteilzeit zu erreichen.

Datum:

 

 

automobilindustrie




 

Aufhebungsvertrag, Abschlagszahlung und außertariflicher Lohn

Konzernchef Pischetsrieder hatte am Wochenende Grund für Spekulationen gegeben, der Konzern könnte trotz eines mit den Arbeitnehmern ausgehandelten Sparpakets doch noch am Haustarif rütteln wollen. Die bisherige Vereinbarung, die betriebsbedingte Entlassungen bis zum Jahr 2011 ausschließt, sei kündbar. Nachverhandlungen seien für den Fall vorgesehen, dass das wirtschaftliche Umfeld dies erforderlich mache, hatte der Konzernchef gesagt. Allerdings betonte er: "Wir wollen den Tarifvertrag nicht kündigen, das wäre für uns nur der allerletzte Weg."

In einem Bericht des "Focus" hieß es zudem, Pischetsrieder wolle die Mitarbeiter aus dem Haustarifvertrag herauskaufen. Zunächst sollten die Arbeitnehmer Aufhebungsverträge erhalten und dann gegen eine Abschlagszahlung in noch nicht festgelegter Höhe einen neuen Vertrag zu den Konditionen der VW-Konzerntochter Auto 5000 GmbH unterschreiben. Das sähen interne Pläne vor, schreibt das Magazin. Die Auto-5000-Mitarbeiter, die seit dem Jahr 2002 den VW Touran bauen, werden nicht nach dem Haustarif bezahlt, sondern erhalten rund 20 Prozent weniger Gehalt als ihre VW-Kollegen.

Für 99.000 Beschäftigte in Deutschland gilt der Haustarifvertrag mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 28,8 Stunden. Die etwa 3.700 Mitarbeiter der Auto 5000 GmbH hingegen müssen bis zu 42 Studen pro Woche arbeiten. Zudem ist festgelegt worden, dass sie Produktionsmängel kostenlos nacharbeiten.

"Wir lassen nicht am Haustarifvertrag rütteln"

Für die IG Metall steht der Haustarifvertrag nicht zur Disposition. Der Bezirksleiter der IG Metall für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, Hartmut Meine, forderte am Sonntag ein Ende der Spekulationen über die Zukunft der Arbeitsplätze bei VW. "Wir lassen nicht am Haustarifvertrag rütteln", stellte Meine klar. Weder betriebsbedingte Kündigungen noch die Kündigung des Tarifvertrages seien ein gangbarer Weg. Der Gewerkschafter nannte es "uenerträglich, dass zuständige aber auch nicht zuständige Unternehmensvertreter regelmäßig und öffentlich über den Haustarifvertrag bei VW spekulieren, anstatt sich darauf zu konzentrieren, die Probleme im Unternehmen in den Griff zu bekommen und Produkte und Prozesse zu optimieren".