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FAZ, 01.10.2004 Das „European Defence Paper“ deckt eine Lücke zwischen Mitteln und
Zwecken der europäischen Sicherheitspolitik auf
Das EU-lnstitut
für Internationale Sicherheitsstudien in Paris hat im Oktober 2004 ein
Papier zur Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP)
vorgelegt: das „European Defence Paper“, das die EU-Regierungen in Auftrag
gegeben hatten. Es ist eine Untersuchung der Bedingungen, Mittel und Möglichkeiten für die Anwendung der 2003
beschlossenen gemeinsamen „Europäischen Sicherheitsstrategie“. Es besagt im Kern, daß „die
ehrgeizigen Ziele, einen Anteil an globaler Verantwortung zu übernehmen, einen wirksamen Multilateralismus zu stärken und eine
Strategie präventiven Handelns auf sich
zu nehmen, nicht erreicht werden, wenn die derzeitige Lücke zwischen Mitteln
und Zweck bestehen bleibt.“ Das „präventive“
europäische Krisenhandeln mit militärischer Intervention wird in Bezug zur
ausgreifenden Vorwärtsverteidigung Amerikas („Präemption“) gestellt. Die
„Bush Doktrin“, vor allem aber ihre Anwendung im Irak, wird unter dem Aspekt
der Bündnissolidarität in der Nato als „beispielloser und beträchtlicher
Schaden für die transatlantischen Beziehungen“ kritisiert „Über den Irak
hinaus bleibt die transatlantische Gemeinschaft tief gespalten über die
legitimen Bedingungen für Gewaltanwendung.“ und „Da einer der mächtigsten Akteure
im internationalen System die Spielregeln verändert hat, sind diese Regeln
zerbrechlicher geworden. Präventivangriffe mögen als Taktik eine
überwältigende Versuchung für eine Supermacht wie die Vereinigten Staaten
sein, aber gerade weil diese Taktik von einer Großmacht befürwortet und
angewandt wird, setzt sie neue
Standards internationaler Verhaltensregeln und einen klaren Präzedenzfall,
die von anderen Mächten genutzt werden könnten.“ Beim
Thema . . Präemption/Prävention“ geht es zunächst um den
Einsatz von konventionellen Streitkräften und operativen Spezialkräften, es
wird aber die Möglichkeit erwähnt, daß britische und französische Nuklearstreitkräfte „ • Operationen der Friedensunterstützung in
großem Maßstab wie Ifor/Sfor in Bosnien-Hercegowina und Kfor im
Kosovo, aber auch wie die verlustreichen Operationen der UN 1960 bis 1964 im
Kongo. Ein UN-Mandat wird als nötig und erreichbar angesehen. Es wird angenommen,
daß die EU für solche Einsätze 30 000 Soldaten, 40 Kampfflugzeuge, sechs
Überwasserkampfschiffe plus einige Überwachungsflugzeuge binnen 30 Tagen für
bis zu drei Jahre und bis zu 2000 Kilometer Entfernung von Brüssel einsetzen
könnte. Mit Verlusten wird gerechnet: Die UN -Truppen verloren auf dem Balkan
zwischen 1992 und 1995 insgesamt 245 Soldaten. • Humanitäre Intervention in hoch-intensiven
Gefahrensituationen wie Ruanda 1993 und Ost-Timor 1999. Ziel:
Völkermord aufhalten und unmittelbar davon bedrohten Bevölkerungen Hilfe
bringen. Die EU müßte dafür etwa 10 000 Soldaten mit 105 Flugzeugen (davon
60 zur Unterstützung) und bewaffnete Hubschrauber, zehn Überwasserkampfschiffe,
vier amphibische Transport/ Landungs-Schiffe, zehn Seeaufklärungsflugzeuge
für ein Jahr bei sechsmonatiger Einsatzdauer vor Ablösung, einsatzbereit
binnen 15 Tagen in einer Distanz von bis zu 5000 Kilometer von Brüssel bei
einem Seehafen in bis zu 300 Kilometer Entfernung vom Einsatzraum dauernd
bereithalten. • Regionalkrieg
zur Verteidigung europäischer strategischer Interessen. Konflikte
können Europas vitale Interessen direkt durch Unterbrechung oder massive
Verteuerung von Erdölversorgung, durch Störung des Güteraustauschs und der
Verkehrsverbindungen, durch erzwungene Massenflucht nach Europa verletzen,
indirekt können strategische Interessen auch durch kritische Belastungen der
Beziehungen zu Amerika gefährdet werden. Die drei Golfkriege seit 1980 und
der Nahost-Krieg 1973 mit dem arabischen Ölembargo gegen Westeuropa bieten
Beispiele dafür. Alle EU - Länder sind Importeure von Erdöl. Daraus folgt,
daß „Europa seine Verteidigung nicht auf die Annahme gründen (kann), daß im
Mittleren Osten keine militärischen Herausforderungen gleich dem Golf-Krieg
oder noch größer entstehen würden.“ • Prävention
von Angriffen mit Massenvernichtungsmitteln durch Bereitstellung von rund 1500 operativen
Spezialeinsatzkräften (SOF) für verdeckte Operationen plus einer Brigade mit
vier Bataillonen Spezialkräften, unterstützt von 60 Kampfflugzeugen und 40
Versorgungsflugzeugen sowie Hubschraubern, ergänzt von einem Flugzeugträger,
zehn Überwasserkampfschiffen, drei U-Booten und zwei Versorgungsschiffen,
einsatzbereit binnen 15 Tagen in einer Entfernung von bis zu 5000 Kilometern
von Brüssel. • Die Heimatverteidigung wird nur marginal behandelt und liegt ohnehin
größtenteils außerhalb der Kompetenz und Expertise des Militärs. Das Dokument
richtet die Aufmerksamkeit aber auf Zivilschutz und Sanität zur
Schadensbegrenzung. Diese
fünf Szenarien zeigen, dass es an Truppen, Material und Gerät mangelt, um die
vom Europäischen Rat Ende 2003 beschlossene strategische Konzeption der
militärischen Prävention und Krisenreaktion umzusetzen: Das Gros
der europäischen Streitkräfte ist noch immer stationär. Nur 10 bis 15 Prozent
sind beweglich einsetzbar. Nur 15 bis 17 europäische Brigaden mit zusammen
etwa 40 000 Soldaten können kurzzeitig für eine anhaltende Operation
eingesetzt werden. Aber eine
schnell einsatzbereite Eingreiftruppe von 60 000 Soldaten, wie die EU-Staaten
sie neben der Nato-Reaktionstruppe anstreben, um
ein ..strategischer Akteur“ auch unabhängig
von der Nato zu werden, würde „wenigstens 50 000 bis 60 000 (Mann)
Kampftruppen aus einem Personalpool von 150 000 bis 200 000
Soldaten erfordern“. Die im
derzeitigen Streitkräfte - Katalog gemeldeten Truppen im Umfang von
100 000 Mann „weisen darauf hin, daß Nachhaltigkeit im Einsatz bei
größeren und längeren Operationen ein Hauptmangel ist. Als Ziel wird deshalb
ein „Europäisches Multinationales
Expeditionskorps mit 60 000 (Mann) Kampftruppen für multinationale
Einsatzgruppen“ empfohlen, das binnen 21 Tagen einsatzbereit sein kann, dazu
etwa 600 statt der bisher vorgesehenen 400 Einsatzflugzeuge. Das
Papier sagt aus, daß die europäischen Staaten noch nicht fähig sind, solche
Beiträge mit Nachhaltigkeit zu leisten, daß die EU die Fähigkeiten für
autonome Aktionen (unabhängig von den USA zu führende Kriege) nicht hat und
sich deshalb in hohem Ausmaß auf externe Akteure (USA, das wird immer
ausgesprochen: NATO) verlassen muß. Die
Außenminister der EU werden sich mit diesem Bericht befassen und entscheiden,
was geschehen soll, schreibt die FAZ. |
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05.03.2006