Der Bumerang
Thesen zu einem sinnlosen Krieg

Von Jürgen Todenhöfer                                                  FAZ 06.01.2010

Krieg ist immer eine zivilisatorische Katastrophe. Weil er stets auch Unschuldige tötet. Wer diesen Zivili­sationsbruch trotzdem für unvermeidbar hält, muss überragende Gründe haben. Sie müssen selbst das Töten und Verstümmeln unschuldiger Männer, Frauen und Kinder rechtfertigen. Liegen beim Afghanistan-Krieg wirklich derart überragende Gründe vor?

Die wichtigsten Gegenargumente lauten:

Der Krieg ist nicht zu gewinnen. Alle Eroberer sind am Hindukusch gescheitert. Ganze Weltreiche sind hier zerbrochen.

Der Afghanistan-Krieg hat seine Legitimation verloren. Al Qaida operiert seit 2002 nicht mehr von Afghanistan aus. Die Begründung, die Al-Qaida-Führung müsse jetzt daran gehindert werden, dorthin zurückzukehren, setzt die Rechtmäßigkeit vorbeugender Angriffskriege voraus. Die aber sind völkerrechtswidrig.

Der Krieg ist kontraproduktiv. Da er täglich vor den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit Zivilisten tötet, züchtet er weltweit unablässig neue Terroristen.

Es ist unsere eigene Gewalt,
die wie ein Bumerang als globaler Terrorismus immer wieder auf uns zurückschlägt.

Der Westen zerstört die Glaubwürdigkeit seiner Werte. Wer Menschen in Käfige sperrt und foltert, Hochzeiten und Trauerfeiern bombardiert, darf sich nicht wundern, dass ihm niemand mehr glaubt, es gehe ihm in Afghanistan – oder im Irak – um
die Befreiung der Menschen.

„Du sollst nicht töten“ heißt eines der zentralen Gebote der christlichen Zivilisation. Ein Christ und eine christliche Partei können diesem vermeidbaren Krieg, der ständig Zivilisten tötet, nicht zustimmen. Oder er ist kein Christ.

Wir zerstören Deutschlands Ansehen als Friedens­macht. Wir sind durch 60 Jahre Friedenspolitik zu einem der geachtetsten und beliebtesten Länder der Welt geworden. Dieses hohe Gut wird in atemraubendem Tempo verspielt.

Die Enttabuisierung des Tötens führt zu einem gefährlichen Bewusstseinswandel. Wer die Verbrennung von mehr als 100 Menschen wochenlang als „militärisch angemessen“ bezeichnet, verändert auch im eigenen Land die Einstellung zur Gewalt. Nur Radikale können sich darüber freuen.

Der Krieg verschleudert wertvolle Ressourcen. Drei Viertel der Afghanen haben kein sauberes Trinkwasser. Mit unseren Kriegsausgaben von 5 Milliarden Euro könnte man 50.000 Tiefbrunnen bauen. Alle Afghanen und die gesamte afghanische Landwirtschaft würden mit frischem Wasser versorgt.

Es gibt Alternativen zum Krieg:

Eine KSZE-ähnliche Langfristkonferenz mit den heillos zerstrittenen Nachbarn Afghanistans, Pakistan und Indien.

Verhandlungen Washingtons mit den afghanischen Taliban. Der Vorschlag, diese Verhandlungen auf gemäßigte Taliban zu beschränken, ist naiv. Im Vietnam-Krieg hat Amerika auch nicht nur mit gemäßigten Vietcong verhandelt.

Wiederaufbau statt Truppenaufbau. Mit dem Geld für 30.000 zusätzliche amerikanische Soldaten könnte man in Afghanistan und Pakistan jedes Jahr 600.000 Schulen bauen – und dem weltweiten Terrorismus viele seiner Argumente entziehen.

Eine echte Kriegsdebatte findet in Deutschland nicht statt. Gestritten wird über Informationspan­nen. Die Kernfrage, ob Massaker wie in Kundus nicht logische Folge jedes Luftkrieges sind, wird nicht gestellt. Unsere Politiker müssten sonst ja selbst Verantwortung für das Flammeninferno von Kundus übernehmen.

Da es in Wirklichkeit keinen überragenden Grund für den Afghanistan-Krieg gibt, greifen seine Befürworter zum Totschlagargument Hitler. Das Beispiel Hitler zeige, dass Krieg manchmal eben doch unvermeidbar sei. Dieses bereits im Irak-Krieg und zunehmend auch in der Iran-Debatte verwendete Argument ist eigentlich eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes. Man kann nicht jeden sinnlosen Krieg damit begrün­den, dass es in der Tat einmal einen sinnvollen Krieg gab – jenen gegen Adolf Hitler. Dass 15.000 erbärmlich bewaffnete afghanische Taliban mit dem hochgerüsteten Vier-Millionen-Heer der Nationalsozia­listen verglichen werden, zeigt, dass unseren politischen Eliten nicht nur moralische, sondern auch intellektuelle Mindeststandards abhanden gekommen sind.

Der Autor war 18 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestages und Sprecher der CDU/CSU für Entwicklungspolitik und Rüstungskontrolle.

 

 

 

Eigentlich wird dieser Artikel hier
nur wegen des einen Satzes dokumentiert:

Es ist unsere eigene Gewalt,
die wie ein Bumerang als globaler Terrorismus immer wieder auf uns zurückschlägt.

Wobei es ja nicht die Gewalt der sogenannten kleinen Leute ist, die in Afghanistan tobt, sondern die in der NATO verbündete Militärmacht der mächtigsten Staaten der Welt unter Führung der USA. Wenn da also von „unserer eigenen Gewalt“ die Rede ist, dann kann damit korrekterweise nur die Gewalt auch des deutschen  Staates gemeint sein, die sich in den seltensten Fällen – genau genommen: nie - segensreich für Dich und mich betätigt, sondern alles unternimmt, um die herrschende Welt­ordnung mit 1 Milliarde hungernder Menschen am Laufen zu halten. Zu Nutzen und Frommen einer kleinen Schicht von richtig Reichen, die sich Tag für Tag auch an Dir und mir bereichern. Mit Merkels Segen und aktuell nach Schröders Vorstellungen: Hartz IV.

 

Aber von dieser Macht hat Todenhöfer eben eine SEHR gute Meinung: „Wir zerstören Deutschlands Ansehen als Friedens­macht.“ beklagt er und übersieht dabei, dass der Friede, für den die NATO einsteht, der für Handel und Wandel zu Lasten der Armen dieser Erde erzwungene Friede ist. Und zu den Armen kannst Du Dich getrost dazuzählen, sogar wenn Du eine Anlage und ein Auto Dein eigen nennst. Aber dazu ist an einer anderen Stelle auf dieser Seite ja schon genug geschrieben:

 

Kapital
und Arbeit
heute
:
Mehr arbeiten, weniger verdienen, mehr bezahlen

 

 

 

 

„Eine echte Kriegsdebatte findet in Deutschland nicht statt. Gestritten wird über Informationspan­nen. Die Kernfrage, ob Massaker wie in Kundus nicht logische Folge jedes Luftkrieges sind, wird nicht gestellt“,

klagt Todenhöfer. Und verpasst damit den Witz, dass die Debatte von den Machern und anderen Befürwortern des Krieges vom Zaun gebrochen wurde, um mit den Toden­höfers und den Käßmanns der Republik ins Gespräch über die Alternativen zum Stabilisierungseinsatz zu kommen, natürlich, um sie oder zumindest einen großen Teil derer, für die sie VORDENKEN, für genau die siegreichen Strategien zu gewinnen, die jetzt gerade in die Tat umgesetzt werden: Die neue Stategie des Friedensnobelpreisträgers Obama.

 

 

 

Das ist mir zwar alles noch nicht so ganz klar ...,
aber was soll man denn jetzt machen ?

Na, ja, zuerst die Sache noch mal durchdenken, um aus den Unklarheiten Fragen zu formulieren. Und dann gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Was tun ?

Das seh ich mir an, dann sehen wir weiter ....

Aber wie gesagt:
Über dem Weitermachen das Nachdenken nicht vergessen ...

Noch ein Tip ...

 

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11.01.10